Autorin: Antje Rávik Strubel
Buchbeschreibung kurz & knapp zusammengefasst
Sie ist in einem Land, das sie nicht kennt, in einem Land im Norden, wo die Bäume andere sind und die Menschen eine andere Sprache sprechen, wo das Wasser anders schmeckt und der Horizont keine Farbe hat.
Adina Scheijbal kommt aus Harachov, einem kleinen Dorf im Riesengebirge der Tschechoslowakei, und war das letzte Kind, der letzte Teenager des Ortes. Sie hat keine Freunde, es gibt ja auch keine Gleichaltrigen, und ist in Chatrooms unterwegs, in denen sie sich der letzte Mohikaner nennt. Mit 20 reicht endlich das Geld, um nach Berlin zu fahren und dort ihr Leben zu beginnen.
Antje Rávik Strubel erzählt in „Blaue Frau“ von Adinas Odyssee, die im Westen beginnt und die mich seelisch und körperlich mitnehmen wird.
Meine persönlichen Leseeindrücke zu „Blaue Frau“
Der Roman ist nicht einfach zu verstehen und hat so viel zu sagen. Nur so kann ich zusammenfassen, wofür ich sonst viele Seiten benötigen würde. Vorweg muss ich allerdings gestehen, dass ich das Buch nach Teil 2 fast abgebrochen hätte – ein Fehler, den ich bereuen würde. Halten Sie, lieber Leser, noch ein wenig durch. Das Buch erklärt sich auf eine kluge, durchdachte, einfühlsame und intelligente Weise.
Der Roman ist Fiktion und man sollte nicht zu viel hineininterpretieren, sondern es lesen und auf sich wirken lassen, denn viele Fragen werden sich auftun, die keiner (klaren) Antwort zugeführt werden können. Die Autorin hat für das Buch 8 Jahre gebraucht und da ist es nicht verwunderlich, dass die Wucht der Erzählung über Vergewaltigung so massiv einschlägt.
Denn es geht um Menschenrechte, Vergewaltigung und Folter und die Unmöglichkeit, für Unrecht Gerechtigkeit zu erlangen. Bis ich aber zur Schlüsselszene vordringe, irre ich zumindest in den ersten beiden Teilen etwas ziellos durch die Seiten. Erst als der schwerwiegende Vorfall erzählt ist und die Positionen und Sichtweisen der Romanfiguren, von der Schweizer Geschäftsfrau, die die Gewalttat abtut, von Leonides, ihrem verheirateten Geliebten, der nicht daran glauben kann, von Kristiina, die mit der Unmittelbarkeit eines Menschen, der vergewaltigt und gefoltert worden war, überfordert ist, vom Vergewaltiger, dem gewichtigen Multiplikator für Menschenrechte in der EU, klar werden, kollidiert die Fiktion mit der Realität.
Es beschäftigt die Autorin und über sie auch mich die Frage wie ich reagieren würde, wenn ich über eine Vergewaltigung erführe. Fühlte ich mich vom Gesetz geschützt, durch die Ordnungshüter und Gerichte?
Adina Scheijbal, die im Roman mehrmals den Namen wechselt und einmal Sala, ein anderes Mal Nina heißen wird, kommt also nach einer Odyssee in Helsinki an. 8 Stunden Zugfahrt mit einem Interrailticket hat sie hinter sich, als sie nachts aus dem Bahnhof tritt. In Deutschland ist es ihr nicht gut gegangen, sie musste weg, aber eine Heimkehr nach Harachov war keine Option.
Mittellos und ohne Zukunftsvision lernt sie in einem Hotel Leonides kennen, den Menschrechtsverfechter aus Estland, der Abgesandter in Brüssel ist und nebenbei an der Uni in Helsinki unterrichtet. Durch ihn bekommt sie ein bisschen Leben zurück. Doch die Wochen und Monate mit ihm entpuppen sich nur als ein Durchatmen, ein Luftholen.
Bei seinem Einfühlungsvermögen, das für ganz Europa reicht, hätte ihm auffallen müssen, dass mit Adina etwas nicht stimmt, mit ihrer Haut, ihrem Zurückzucken im Bett, etwas, das in Ordnung gebracht werden musste.
Es dauert nur bis zu jenem Empfang, an dem Leonides ihr den wichtigen Mann Johann Manfred Bengel, den „Multiplikator“, vorstellen will, der sich hinter ihrem Rücken räuspert und die Hölle wieder auftut.
Als die blaue Frau zum ersten Mal jenseits der Birken erschien, sah sie mich unvermittelt an.
Wer die blaue Frau ist, ist schwer zu sagen. Sie bleibt unspezifisch, Adina kann sie nicht rufen, nur individuell wahrnehmbar, da sie sich immer wieder entzieht. Sie taucht auf, unabhängig von Adinas Wunsch sie zu sehen und spricht in Rätseln. Adina kann sie nicht fassen, braucht sie aber dringender als je.
Sie hält es für denkbar, dass Menschen ihre Energie manchmal auf etwas Ersehntes hin so ausrichten, dass es in Erscheinung tritt.
Adina verkörpert nicht die lustige, lebensbejahende junge Frau und als androgyner Typ entspricht sie kaum den Vorstellungen einer osteuropäischen Schönheit. Sie wirkt eher wie ein kaputter Träumer – der letzte Mohikaner, der ihr als Schutz in der Uckermark fast abhandenkommt. Umso schwerer wiegt ihre Schutzlosigkeit und das grausame Ausnutzen dieses Ausgeliefertsein, die Einsamkeit ihrer Existenz zwischen Macht- und Geldspielen.
Fazit
Der Roman „Blaue Frau“ ist ein klug durchdachtes und komponiertes, einfühlsames und intelligente Buch, das sich mit Behutsamkeit und gleichzeitig enormer Wucht einem Vergewaltigungsopfer annimmt. Der Schutz der Menschenrechte: ein Einzelschicksal wird grandios in Szene gesetzt. Anspruchsvoll, intensiv, fordernd!

Bücher sind zum Denken da, sie sollen dem Denken auf die Sprünge helfen.
Antje Rávik Strubel veröffentlichte u.a. die Romane »Unter Schnee« (2001), »Fremd Gehen. Ein Nachtstück« (2002), »Tupolew 134« (2004) sowie den Episodenroman »In den Wäldern des menschlichen Herzens« (2016). Ihr Werk wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, ihr Roman »Kältere Schichten der Luft« (2007) war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert und wurde mit dem Rheingau Literatur Preis sowie dem Hermann-Hesse-Preis ausgezeichnet, der Roman »Sturz der Tage in die Nacht« (2011) stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. 2019 erhielt sie den Preis der Literaturhäuser. Ihr Roman »Blaue Frau« wurde mit dem Deutschen Buchpreis 2021 ausgezeichnet. 2022 erschien der Essayband »Es hört nie auf, dass man etwas sagen muss«; im März 2025 der neue Roman Der Einfluss der Fasane. Sie übersetzt aus dem Englischen und Schwedischen u.a. Joan Didion, Monika Fagerholm, Lucia Berlin und Virginia Woolf. Für weitere Informationen besuchen Sie bitte die Webseite der Autorin.
© Marcus Höhn
Bibliographische Daten (Stand Oktober 2025 – S. Fischer Verlag)
- TITEL: Blaue Frau
- AUTORIN: Anje Rávik Strubel
- GENRE : Roman
- VERLAG: S. Fischer Verlag
- ERSCHEINUNGSDATUM: 08.2021
- ISBN-13: 9783103971019
In meinem Blog finden Sie auch die Buchbesprechung zu Der Einfluss der Fasane.



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