Autor: Paul Lynch
Übersetzung aus dem Englischen von Eike Schönfeld
Booker Prize 2023
Buchbeschreibung kurz & knapp zusammengefasst
In den finsteren Zeiten,
Wird da auch gesungen werden?
Da wird auch gesungen werden,
Von den finsteren Zeiten.
- Bertolt Brecht
In Irland reagiert seit 2 Jahren ein autoritäres Regime, das durch Notverordnungen die Freiheit seiner Bürger immer mehr einschränkt. Eilish und ihr Mann Larry leben mit ihren 4 Kindern auf der Insel und merken, wie sich die Lebensumstände verändern. Doch das Land zu verlassen und nach Kanada auszuwandern, wo Eilishs Schwester wohnt, ist keine Option; es ist ihr Land und hier wollen sie bleiben. Als eines Tages die Geheimpolizei vor der Tür steht und nach Larry fragt, überkommt Eilish eine Vorahnung – sie spürt instinktiv, dass Gefahr droht.
„Das Gefühl nun, dass irgendetwas ins Haus gekommen ist, …., etwas Formloses und dennoch Wahrgenommenes.“
Alles ändert sich als Larry von der Protestkundgebung der Lehrergewerkschaft, die einige Tage nach dem Besuch der Geheimpolizei stattfindet, nicht mehr zurückkommt. Die Situation gerät aus den Fugen und Eilish, die nun auf sich alleine gestellt ist, kann die Gefahr in ihrem ganzen Ausmaß nicht erfassen.
Meine persönlichen Leseeindrücke zu „Das Lied des Propheten“
Das Lied des Propheten entpuppt sich recht bald als ungewöhnliches Leseerlebnis. Nicht nur der überaus poetische Sound überzeugt, sondern auch die Geschichte einer mit der politischen, gesellschaftlichen und familiären Situation überforderten Frau. Mit wenig Vorspann bin ich gleich im Geschehen. David Lynch scheint absichtlich mitten in einer Szene zu beginnen, um von da an von Eilish und ihren Kindern zu erzählen.
Er zeigt recht eindrucksvoll wie schnell ein ruhiges, sicheres und geregeltes Dasein vorbei sein kann, wenn sich politische Rahmenbedingungen ändern. Sein Fokus liegt dabei bewusst auf den Veränderungen in und um Eilishs Familie, eine Einheit, die sich aufzulösen beginnt. Hervorragend wie er beschreibt, welche neuen Gedankengänge sich in den einzelnen Köpfen auftun und was die Unsicherheit mit den Menschen macht. Durch seinen ungewöhnlichen, lyrischen Erzählstils verstärkt er bewusste die sich entwickelnde düstere Stimmung, und Das Lied des Propheten liest sich wie eine Mär, eine Prophezeiung. Eine Beklemmung spukt nun in mir herum und beunruhigt mich.
… wie sieht Wahnsinn aus, so sieht er aus, nicht wie jemand, der mit den Armen fuchtelt und zu den Göttern schreit, sondern wie eine Mutter, die nach Hause zu ihren Kindern will.
Dass sich David Lynch gerade Irland als Handlungsort ausgesucht hat, ist, meine ich, vollkommen unbedeutend. Ich verstehe es nicht als „reale“ Situation in Irland, sondern als Bezug auf sehr viele andere Staaten, in denen genau dieses Szenario stattfand oder jetzt stattfindet, UND ich denke hier ganz explizit an die Faschistenzeit in Italien und den Nationalsozialismus in Deutschland.
Am Ende stellt sich mir die Frage, ob es richtig ist, in einem Land zu bleiben, um gegen ein totalitäres Regime und für die Freiheit und die Rechtsstaatlichkeit zu kämpfen oder ob es unter Umständen besser wäre, zu gehen. Eine eindeutige Antwort fällt nicht leicht. Selbst in meiner Familie würden wir uns unterschiedlich entscheiden.
„Was ich jetzt vor uns sehe, Eilish, das ist ein schwarzes Loch, das sich vor uns auftut, wir haben die Grenze zur Flucht überschritten, und selbst wenn das Regime gestürzt wird, das schwarze Loch wird weiter wachsen und dieses Land auf Jahrzehnte hin verzehren. Seite 155
Zum Schluss möchte ich die herausragende Übersetzung von Eike Schönfeld würdigen. Es ist ihm gelungen, den besonderen Sound des Romans ins Deutsche zu übertragen. Eine Leistung, die nicht jedem gelingt.
Fazit
„Das Lied des Propheten“ von Paul Lynch, mit dem renommierten Booker Preis 2023 ausgezeichnet, erzählt von Eilish und ihrer Familie, die durch die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen vor großen Herausforderungen stehen.
Durch seinen ungewöhnlichen, lyrischen Erzählstils verstärkt der Autor bewusste die sich entwickelnde düstere Stimmung im Roman, und Das Lied des Propheten liest sich wie eine Mär, eine Prophezeiung.

… was ich sagen will, ich hab mal an den freien Willen geglaubt, hätten Sie mich vor all dem gefragt, ich hätte Ihnen gesagt, ich bin frei wie ein Vogel, aber jetzt weiß ich nicht mehr recht, ich seh nicht mehr, wie freier Wille möglich ist, wenn man in sowas Ungeheuerlichem steckt, da führt eins zum andern, bis das verdammte Dinge eine Eigendynamik kriegt, da ist dann nichts mehr zu machen.
Der Autor
Paul Lynch, geb. 1977 in Limerick, wuchs in Donegal auf und lebt in Dublin. Von 2007 bis 2011 war er Chef-Filmkritiker der irischen Zeitung »Sunday Tribune« und schrieb regelmäßig für die »Sunday Times«. Seitdem ist er hauptberuflich Autor. Seine Werke wurden mit zahlreichen Preisen in Irland und UK ausgezeichnet. Für seinen aktuellen Roman »Das Lied des Propheten« erhielt er den Booker Prize 2023. Paul Lynch hat eine offizielle Website.
@Getty
Der Übersetzer
Eike Schönfeld wurde 1949 in Rheinsberg geboren und wuchs in Schwäbisch Hall auf. Nach dem Studium der Anglistik und Germanistik in Freiburg promovierte er über Oscar Wilde. Von 1982 bis 1986 arbeitete er am Europäischen Übersetzer-Kollegium in Straelen. Seit 1986 lebt er als freier Übersetzer in Hamburg. Er hat zwei Söhne. Seit über 30 Jahren übersetzt er englische Literatur und wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis der Leipziger Buchmesse.
@ Steven Wassenaar
Bibliographische Daten (Stand September 2024 – Klett-Cotta)
- TITEL: Das Lied des Propheten
- AUTOR: Paul Lynch
- ÜBERSETZER: Eike Schönfeld
- GENRE: Roman
- UMFANG: 320 Seiten
- ERSCHEINUNGSDATUM: 13. Juli 2024
- ISBN-13: 978 3 6089 8822 2
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