Der Hase im Mond
Autorin: Milena Michiko Flašar
Buchbeschreibung kurz & knapp zusammengefasst
In „Der Hase im Mond“ erzählt die japanisch österreichische Autorin 9 Kurzgeschichten und entführt den Leser in die Welt von Einsamkeit und unerfüllten Sehnsüchten japanischer Männer und Frauen, die vom normalen Leben abgekommen sind und sich in einer surreal-phantastischen Ebene befinden.
- Die Füchsin
- Pianopianissimo
- Hawaiian Dreams
- Tsunami
- Die Hütte auf einem Grashügel
- Der Hase im Mond
- Kudo (alias Kohn)
- Ikebana
- Spaghetti Napolitan
Jeder Mensch,…, bestand aus unzähligen Schichten, er war nie bloß nur einer, dazu gab es zu viel, was im Verborgenen lag und was wie Getier, das im Erdreich lebte, nie oder nur selten das Licht des Tages erblickte. In jedem Menschen war Dunkelheit. Ein rostiges Schloss, das darauf wartete, geöffnet zu werden.
Meine persönlichen Leseeindrücke zu „Der Mann im Mond“
Die Geschichten liest man nicht mal so nebenbei und ihr Charme entfaltet sich erst nach einer gewissen Zeit. Das sollte der aufmerksame Leser gleich vorweg wissen und eine gewisse Bereitschaft, die normalen Lebenswege zumindest literarisch zu verlassen, eingehen, denn das ist notwendig um der Phantasterei der fernöstlichen Kultur etwas abgewinnen zu können.
So unterschiedlich die Kurzgeschichten inhaltlich sind, haben sie dennoch gemeinsam, dass sie alle klar strukturiert und präzise in den Beschreibungen sind, sodass ich mich schon nach den ersten Sätzen gut verortet fühle und auch die Hauptfigur der Handlung in mich aufnehmen kann. Die Rahmenbedingungen sind gut gesteckt, ohne Abweichungen vom Wesentlichen. Alle Kurzgeschichten folgen einem festen Muster: Flašar baut Spannung auf, dabei holt sie mich buchstäblich von meiner Lesebank ab und führt mich zielstrebig zur Pointe, kurz vor Schluss der Geschichte.
Das Ende kommt stets schnell, steil fällt die Spannung ab, als gäbe es danach nichts mehr zu erzählen. So machten es auch die großen russischen Meister, jedenfalls jene, die Saunders in seinem Buch Bei Regen in einem Teich schwimmen vorstellt.
Flašar überlässt dabei nichts dem Zufall. Sie ist gewieft, denn sie weiß ganz genau was in meinem Kopf vorgehen muss, sie setzt sozusagen die Ampeln in meiner Lesefahrt und platziert spannungsgeladene Wendungen genau zum richtigen Zeitpunkt. Da sie jederzeit weiß wohin mit mir, redet sie nicht lange um den heißen Brei herum. Es sitzt jedes Wort, kein Satz ist zu viel oder zu wenig, es sind vollkommene Geschichten. Großartig!
Dazu kommt ihre wunderbare Sprache, eine Harmonie der Worte, eine Feinheit in den Ausführungen; ich liebe dies. Wie in einem Sog lese ich Seite um Seite, ich will wissen wie die Geschichten weitergehen, bin neugierig und wandele gierig auf der gelegten Fährte dem Höhepunkt entgegen. Für mich sind alle Stücke großartig in Komposition & Handlung und perfekt in der Ausarbeitung!
Eine Lieblingsgeschichte, die ich kurz inhaltlich vorstellen möchte, ist „Der Hase im Mond“. Nichts scheint wie es ist, das Verborgene liegt im Dunkeln. Wer davon nascht, wird vernichtet. Dort wo die Sonnenstrahlen nicht hinfinden, gibt es Verwegenes, das dem zufälligen Betrachter der Geschichte buchstäblich den Boden unter den Füßen wegzieht. Das Betrachten eine unvorstellbaren Szene löst bei ihm eine solche Erschütterung aus, dass er sich in seinem Dasein mit der Diskrepanz des Scheins und Sein alleine konfrontiert sieht, und schlussendlich daran zerbricht. Wie kann das sein?
Wären wir Europäer auch so? Das ist nämlich in all den Geschichte eine Frage, die ich mir stelle. Oder ist das ein japanisches Phänomen, dieses totale Abdriften von allem Alltäglichen, dem Normalen sozusagen. Ich kann es nicht beantworten, aber es beschäftigt mich sehr.
Über das Innere eines Menschen konnte man eben nur Mutmaßungen anstellen.
Eine andere Lieblingsgeschichte ist Kudo (alias Kohn). Ein Hochbegabter, ein äußerlich wenig attraktiver aber ein mit Liebreiz gesegneter Charakter, den man nur gernhaben kann und in dessen Kreis man sich sonnen möchte, verzweifelt an den Gräueltaten, die den Juden in den Konzentrationslager widerfahren sind. Der Film als auslösendes Ereignis einer Psychose, als Laie kann ich mir das anders nicht erklären, lässt mich nicht unberührt zurück.
„Wir alle sind im Grunde beschädigt“.
Man muss, so habe ich den Eindruck, nachdem das Buch in einer Leserunde diskutiert wurde, offen für andere Blickweise auf das Leben sein. Ob es dafür spezielles Verständnis für japanische Kultur braucht, kann ich nicht beurteilen. Ich weiß nur, die Kurzgeschichten konnten mich begeistern.
Fazit
Milena Michiko Flašar erzählt in ihrem neuesten Buch „Der Hase im Mond“ von Menschen, die sich nach einem mehr oder minder besonderen Ereignis in ihrem Leben nicht mehr wiederfinden und in eine Welt von Einsamkeit und unerfüllten Sehnsüchten eintauchen. Weit weg vom Normalen taucht der Leser in eine surreale-phantastische Welt und staunt über Auswüchse ungeahnten Ausmaßes.

In jedem Menschen war Dunkelheit. Ein rostiges Schloss, das darauf wartete, geöffnet zu werden.
Die Autorin
Milena Michiko Flašar, geboren 1980 in St. Pölten, hat in Wien und Berlin Germanistik und Romanistik studiert. Sie ist die Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters. Ihr Roman Ich nannte ihn Krawatte wurde über 100.000 Mal verkauft, als Theaterstück am Maxim Gorki Theater uraufgeführt und mehrfach ausgezeichnet. Er stand unter anderem 2012 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Wien.
Wenn Sie noch mehr von der Autorin erfahren möchten, besuchen Sie gerne ihre Website.
© Helmut Wimmer
Bibliographische Daten (Stand September 2025 – Wagenbach)
- TITEL: Der Hase im Mond
- AUTORIN: Milena Michiko Flašar
- Genre: Erzählband
- Verlag: Wagenbach
- Umfang: 240 Seiten
- Erscheinungsdatum: 14. August 2025
- ISBN-13: 978 3 8031 3379 3
Weitere Bücher der Autorin in meinem Blog
Weitere Bücher mit Bezug zu Japan
- Hans Platzgumer: Großes Spiel



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