Autorin: Audrey Magee
Aus dem Englischen von Nicole Seifert
Buchbeschreibung kurz & knapp zusammengefasst
1979: Der englische Maler Mr. Lloyd verbringt den Sommer auf einer kleinen irischen Insel am äußersten Rand Europas, ein Eiland isolierter Schönheit, ein Vorposten des Kontinents und der Rand des Empires, um sich der Malerei der wilden Klippenlandschaft zu widmen. Dort hat er ein Cottage gemietet inkl. Verpflegung, eine der wenigen Einnahmequellen für Bean Uí Nèill und ihre Tochter Mairéad. Die Inselbewohner sprechen kaum Englisch, sondern nur ihre eigene Sprache Irisch, oder Gälisch, wie sie von den Iren selber gerne bezeichnet wird. James, ein aufgeweckter fünfzehnjähriger Junge, ist fasziniert von dem Londoner Maler und dem Porträt, das er von ihm anfertigt.
Er füllt Seiten mit den Augen und Lippen des Jungen, Arbeit an der Balance zwischen der Sanftheit seiner Jungend und der Häre des Insellebens.
Während Mr. Lloyd von allem abgeschirmt arbeitet, sorgt der Nordirlandkonflikt für Tote und Terror.
Einige Tage später trifft auch der französische Linguist JP Masson auf der Insel ein. Er verbringt dort seinen 4. Sommer für sein Sprachprojekt, das sich mit dem Schutz der irischen Sprache befasst. Damit will er den Durchbruch schaffen um endlich seinen Doktortitel und eine Stelle am Institut in Paris zu erhalten. Zwischen den beiden Männern kommt es recht schnell zu Unstimmigkeiten, sie vertragen sich nicht besonders.
Bean Uí Néill “Ich möchte nicht zwei von denen hier haben.“
Bei James zeigt sich zunehmend sein künstlerischer Talent und er ist auf dem besten Weg mit seinen malerischen Fähigkeiten Mr. Lloyd in den Schatten zu stellen. Da schlägt Mr. Lloyd eine gemeinsame Ausstellung in einer renommierten Londoner Galerie vor, für die James 6 Bilder malen soll während er an einem überdimensionalem Gemälde malt, das die Seele der Insel und seiner Bewohner einfangen soll.
Es ist schwer, sich bei einem Engländer sicher zu sein, James.
Meine persönlichen Leseeindrücke zu „Die Kolonie“
„Die Kolonie“ von Audrey Magee ist ein außergewöhnlich faszinierendes, literarisch auf höchstem Niveau geschriebenes Buch über eine abgelegene Insel, deren Bewohner und zwei Fremde, die einen Sommer dort verbringen. Es ist meine erste Neuerscheinung des Buchjahres 2025 und hat mit seiner ungeheuren Wucht mein Leserherz erobert. Ohne Zweifel gehört es zu jenen Lesehighlights, die mich für immer begleiten werden.
Schon ab der ersten Seiten fällt die ungewöhnliche Buchstruktur auf. Sie schwankt zwischen poetischen Abschnitten, klaren, prägnant kurzen Dialogsätzen und einigen geschichtlichen Abschnitten. Nach jedem Kapitel ploppen kurze Notizen über den Nordirlandkonflikt auf, die den Irrsinn und Tötungswahn jener Zeit verbildlichen. Es dauert, bis ich einen Zusammenhang mit der Inselgeschichte herstellen kann.
Auffallend ist, dass Audrey Magee ihre Romanfiguren recht früh bestimmt und überaus gut besetzt. Damit bleibt mir ein Übermaß an Akteuren erspart. Weiterhin bestimmt ein eigenwilliger Erzählstil mit vielen Dialogen, die zwar direkt keine Gefühlsregung ausdrücken aber doch so viel mitteilen, den Lesefluss. Manches mag man sich ein bisschen zusammenreimen, anderes hingegen wird mit dem Voranschreiten der Lektüre immer deutlicher.
James ist und bleibt der Hauptakteur des Romans. Er ist der Star, ein einfacher Inseljunge mit einem unglaublichen Naturtalent für Farben und Formen. Ihn umgeben drei Frauen und drei Männer, wobei Magee dem männlichen Trio keine schmeichelhafte Rolle zugedacht hat, hingegen mein Herz für das Frauentrio und dem Jungen öffnen konnte. Magee bietet ein atemberaubendes Spiel von Farbmustern, Rückblenden & Vorausblenden und Perspektivwechseln – das muss ihr erst mal einer nachmachen!
Die drei starren mich an, den einzigen Mann im Haus, der auf dem Sprung ist, türmen will, um zu leben, wie er will, ein Leben, das nicht mit ihrem zu tun, nichts mit Essen fangen, Essen vorbereiten, Essen essen, schlafen, aufwachen und wieder dasselbe tun, ein Tag wie der andere, ausgesetzt auf einem grauen Felsen wiederholt sich der Zyklus, wieder und wieder von Neuem.
Der Clou kommt zum Schluss. Die aufgebaute Erwartung bestätigt sich nicht in allen Romanfiguren. Im Gegenteil, es kommt, wie es nicht kommen darf und alte Vorurteile scheinen bestätigt.
Fazit
„Die Kolonie“ von Audrey Magee bietet das beste aus der aktuellen Literaturwelt: ein naturbelassenes Ambiente, eine komplexe und vielschichtige Atmosphäre, gut durchdachte und hervorragend besetzte Romanfiguren, pointenreiche Dialoge und eine enorm hohe Qualität der Momententscheidungen. „Die Kolonie“ ist definitiv ein Roman, der in Erinnerung bleibt, und ein Allzeitlesehighlight!

Auf die Künstlerkolonie am Rande Europas.
Die Autorin
Audrey Magee ist in Irland geboren und lebt in Wicklow. Ihr Debüt »The Undertaker« war für mehrere Literaturpreise nominiert und unter anderem auf der Shortlist des Women’s Prize for Fiction. Der Roman wird aktuell verfilmt. Ihr neuer Roman »Die Kolonie« war auf der Longlist des Booker Prize 2022 und erscheint in 10 Sprachen.

Die Übersetzerin
Nicole Seifert ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und gelernte Verlagsbuchhändlerin und arbeitet als Übersetzerin und Autorin. Ihr Buch »FrauenLiteratur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt« erschien 2021 und löste eine Debatte über weibliches Schreiben aus. Nicole Seifert ist Mitherausgeberin der Reihe »rororo Entdeckungen«, in der Romane unbekannter Autorinnen des 20. Jahrhunderts (wieder)veröffentlicht werden. Darüber hinaus führt sie den beliebten Literaturblog Tag und Nacht.
Bibliographische Daten (Stand Februar 2025 – Nagel und Kimche)
- TITEL: Die Kolonie
- AUTORIN: Audrey Magee
- ÜBERSETZERIN: Nicole Seifert
- GENRE: Roman
- VERLAG: Nagel und Kimche
- UMFANG: 400 Seiten
- ERSCHEINUNGSDATUM: 28. Januar 2025
- ISBN-13: 978 3 3120 1289 3
„Die Kolonie“ zählt zu jenen Büchern, die mich, einmal gelesen, mein Leben lang begleiten werden. Stöbern Sie doch einfach einmal durch meinen Blog und vielleicht finden auch Sie das eine oder andere einzigartige Buch für sich. Hier geht es zum Buchverzeichnis.



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