Autorin: Katie Kitamura
Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens
Buchbesprechung kurz & knapp zusammengefasst
„Die Probe“ ist ein psychologisches Vexierspiel, bei dem Wahrheit und Dichtung nah beieinander sind.
Katie Kitamura erzählt in ihrem neuesten Roman von einer erfolgreichen Schauspielerin und Bühnendarstellerin, die eines Tages mit einem jungen Mann konfrontiert wird, der angibt, ihr Sohn zu sein. Kann sein, was eigentlich unmöglich ist?
Ihr seht wahrhaftig aus wie Mutter und Sohn, sagte sie lachend.
Beinahe, erwiderte Xavier.
Meine persönlichen Leseeindrücke zu „Die Probe“
Es kommt des Öfteren vor, dass ich, bevor ich ein Buch zur Hand nehme, die Buchbewertungen auf einigen Literaturplattformen durchlese. Was ich zu „Die Probe“ fand, ließ mich aufhorchen. Ich verstand nicht, warum so viele schlechte dabei waren; ist es tatsächlich so, dass anstrengende Literatur nicht mehr ankommt?
Mein Faible für gut ausgearbeitete Psychogramme ist meinen aufmerksamen Followern bekannt. Ich möchte erleben und spüren, was in der Romanfigur vorgeht und was das Erlebte in ihr auszulösen vermag. Darin sehe ich die Kunst eines Schriftstellers, darin kann ich mich verlieren, wie im vorliegenden Roman „Die Probe“.
Gleich vorweg: Mir hat das Buch wahnsinnig gut gefallen. Ich habe es mit einer sehr komplexen Ich-Erzählerin zu tun, die als Schauspielerin und Bühnendarstellerin mit ihren 49 Jahren auf einige Erfahrungen zurückblicken kann. Sie ist eine Protagonistin, wie ich sie auch aus anderen Romanen kenne und daher weiß, dass diese Figuren speziell und fordernd sein können.
Wie es auf der Innenseite des Covers steht, ist der Roman ein psychologisches Vexierspiel, bei dem Wahrheit und Dichtung nah beieinander sind. Das behalte ich im Hinterkopf, denn das wird noch von großer Wichtigkeit für das Verständnis des Romans!
Während des Lesens festigt sich mein Eindruck, dass es an mir als Leserin liegt, Realität und Fantasie auseinander halten zu können, also zu erkennen, wann und wo ich bin. Es fühlt sich an wie eine knifflige Aufgabe, der ich mich stelle, um den „Fall“ zu lösen. Das triggert mich sofort, ich bin sofort dabei, genieße jeden Satz, finde die Ich-Erzählerin mit ihren kurzen Abschweifungen in ihrer Erzählung brillant, gefasst, gradlinig und analysierend kühl. Sie ist eine scharfe Beobachterin der Menschen und Szenen, sie erkennt leiseste Veränderungen im Wesen bzw. Verhalten und vernetzt diese mit ihren Erfahrungswerten in meinem Kopf.
Sie dirigiert mich jederzeit nach Belieben und lässt meine Lesefantasie in Farben glänzen, die sie mir durch ihre Interpretation geradezu auffordert zu sehen. Sie zeigt wer sie ist und wie sie gesehen werden möchte und weiß jederzeit wohin mit mir als Leserin.
Würde ich Tomas davon erzählen, dann würde sich zweifellos die Falte auf seiner Stirn bilden, eine Falte, die bedeutete, dass er beunruhigt war, dass meine Lebensweise ein weiteres Mal Anlass zur Sorge gab.
„Die Probe“ ist ein Buch, das ich langsam lese und dabei jede Zeile in mich aufsauge. Die wenigen Seiten (das Werk umfasst 176 Seiten) erlauben es mir. Bücher verschlingen ist nicht meins, deshalb widme ich mich meist nur einem Buch in der Woche und wähle, vielleicht auch zu Unrecht, nicht allzu umfangreiche Romane aus.
Den 1. Teil des Romans füllt also die Ich-Erzählerin vollkommen aus. Xavier, der junge Mann, der sich ihr als ihr Sohn vorstellt, bekommt erst im 2. Teil mehr Raum, wie auch Tomas, der Ehemann.
Das ist sehr gut gemacht, denn so habe ich fast 90 Seiten lang Zeit den Bühnenstar, durch sie ihren Mann Tomas und die Intendantin Anna kennenzulernen, und zwar in einer nicht unspektakulären Verflechtung, die nicht wenige Überraschungen und Verwirrungen bietet. Katie Kitamura scheint jederzeit ganz klar zu wissen, was sie will und wohin sie mich führt. Sie beginnt in meinem Kopf das Geschehen anzuordnen und baut eine empathische Verbindung zur Ich-Protagonistin auf.
Das Geschehen wandelt sich radikal im 2. Teil und ich bleibe lange Seiten perplex zurück, so, wie es steht, kann es nicht sein. Hier platziert Katie Kitamura Xavier vorerst als einen Störfaktor, fast schon mutet sie dem jungen Talent eine leicht perverse Rolle zu, die sich aber schnell verflüchtigt. Denn was vorher vollkommen ausgeschlossen schien, ist jetzt Realität: Xavier ist ihr Sohn!
Er war wie ein vertrauter Fremder, jemand, den man seit einer Ewigkeit kannte, wenn auch nur flüchtig, oder wie jemand, mit dem man vor langer Zeit vorübergehend, aber sehr intensiv zu tun hatte, so dass die Vertrautheit, die man zu spüren meinte, stets etwas Gedämpftes, stets etwas Getrübtes, stets etwas Beängstigendes an sich hatte.
Eine Familie scheint wieder zueinander gefunden zu haben, ganz außerordentlich und ohne jegliche Erklärung des Möglichen. Betrachtet sind all diese Veränderungen durch die Augen der Ich-Erzählerin, die genauestens und stets wachsam notiert, was sich wie verändert, wer sich wandelt und wie das ganze harmoniert oder auch nicht. Diese äußert intime Gedankenwelt macht für mich den unheimlichen Reiz dieser bemerkenswerten und klug arrangierten Erzählung aus. Der Roman, so scheint mir, wurde so konzipiert, dass es nur um die Ich-Erzählerin geht. Und da ist es schon erstaunlich, wie meisterhaft mich Katie Kitamura 176 Seiten lang mit ihr beschäftigt – und das in einer bemerkenswerten Weise!
Mich faszinieren diese Einblicke in ihr Innenleben. Diese Blöße, diese Offenbarung, die sie uns bietet: Das ist doch ungewöhnlich großartig. All das führt dazu, dass ich die Ich-Erzählerin von Anfang an mag und sie schonungslos ehrlich empfinde, schon fast verletzlich offen. Sie ist sicher kein einfacher Typ, aber wer ist das in dem Business überhaupt. Immer wieder verliere ich mich in ihren Gedankenspielen und bewundere dabei ihre Ehrlichkeit und gleichzeitig die Angst oder die Besorgnis. Vielleicht ist das auch ein Ausdruck ihrer Unsicherheit, sie wirkt auf mich teils verunsichert und zu guter Letzt glaube ich, dass sie es selbst merkt, dass mit ihre etwas nicht stimmt.
Zum Schluss folgt der große Knall, und es klärt sich auf, oder es verwirrt noch mehr, je nachdem wie der Leser darauf reagiert. Die Dichtung kollabiert mit der Wahrheit.
Ich sagte: Es ist aus.
Abschließend eine Bemerkung zum Übersetzer. Ahrens‘ Roman „Mitgift“ zählt zu meinen Allzeitlesehighlights. Seinen neuen Roman habe ich auch gelesen und meine Buchbesprechung kommt, auf Wunsch des Verlages, erst übernächste Woche.
Ich finde seine Übertragung in die deutsche Sprache sehr gelungen. Er hat die Spannung und die Stimmung des Romans in fantastischer Weise rübergebracht.
Die Probe steht z. Z. auf der Longlist des Booker Prize 2025 und zurecht! Das Buch ist ein Lesehighlight dieses Literaturjahres.
Fazit
„Die Probe“ von Katie Kitamura lädt zu einem Vexierspiel ein, in dem es die Rolle des Lesers ist, sich in all den Irrungen und Wirrungen der Geschichte zurechtzufinden. Sohn oder nicht Sohn, wer knifflige Aufgaben nicht scheut, ist hier bestens unterhalten.

Wir hatten Rollen gespielt, und eine Zeitlang – solange wir unsere jeweilige Rolle im Griff gehabt und in dem trügerischen Konstrukt mitgespielt hatten, das man Familie nennt, anders gesagt, in der Geschichte, die einer dem anderen erzählt -, hatte alles reibungslos funktioniert.
Die Autorin
Katie M. Kitamura (geboren 1979 in Sacramento, US-Bundesstaat Kalifornien) ist eine US-amerikanische Schriftstellerin, Journalistin und Literaturkritikerin. Katie Kitamura ist das Kind japanischer Immigranten. Sie wollte zunächst Ballerina werden. Sie graduierte 1999 an der Princeton University und wurde 2005 mit der Dissertation The Aesthetics of Vulgarity and the Modern American Novel am London Consortium promoviert. Sie schreibt für zahlreiche Zeitungen, darunter The New York Times, Wired und The Guardian. Katie Kitamura lebt in New York.
Mehr über die Autorin erfahren Sie auf ihrer Website.
Photo credit: Clayton Cubitt
Der Übersetzer
Henning Ahrens, 1964 in Niedersachsen geboren, lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Frankfurt. Er übertrug unter anderem die Werke von Katie Kitamura, Jonathan Safran Foer, Colson Whitehead, Meg Wolitzer und Richard Powers ins Deutsche. Für sein literarisches Werk erhielt er mehrere Auszeichnungen. 2015 erschien Glantz und Gloria. Ein Trip, das mit dem Bremer Literaturpreis geehrt wurde. 2021 erschien sein Roman Mitgift, 2025 sein Roman Jahre zwischen Hund und Wolf.
Bibliographische Daten (Stand August 2025 – Hanser Literaturverlage)
- TITEL: Die Probe
- AUTORIN: Katie Kitamura
- ÜBERSETZER: Henning Ahrens
- GENRE: Roman
- VERLAG: Hanser Literaturverlage
- UMFANG: 176 Seiten
- ERSCHEINUNGSDATUM: 22. Juli 2025
- ISBN-13: 978 3 4462 8301 5
Für die Buchbesprechung zu Kitamuras Roman Intimitäten klicken Sie bitte auf den Buchtitel.



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