Autor: Tarjei Vesaas
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Buchbesprechung kurz & knapp zusammengefasst
1954 erschien erstmals in Norwegen der Roman Frühlingsnacht des Schriftstellers Tarjei Vesaas. Nun ist er erstmals in deutscher Übersetzung im Guggolz Verlag erhältlich.
Im Mittelpunkt des Romans steht der 14-jährige Hallstein, der mit seiner älteren Schwester Sissel über Nacht allein zu Hause bleibt, weil die Eltern zu einer Beerdigung in die nahe Ortschaft fahren. Als die Geschwister sich zum Abendessen setzen, klopft es an der Tür. Eine fremde Familie benötigt nach einer Autopanne Unterkunft, zumal eine junge Frau kurz vor der Entbindung steht. Alle sind in Aufruhr, die Besucher bringen Unruhe und Chaos, und diese Frühlingsnacht entwickelt sich zu einem intensiven Erlebnis in Hallsteins bisherigem Leben.
Meine persönlichen Leseeindrücke zu „Frühlingsnacht“
„Staunenswert wie eigentümlich“ ist auch dieser Roman des norwegischen Schriftstellers Tarjei Vesaas und wie immer „meisterhaft“ übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel, so jubelt Rezensent Rainer Moritz von der NZZ.
Das liest sich gut, denke ich mir, und beginne meine Lektüre voller Vorfreude, denn ich stelle mir gedanklich eine intensive Geschichte vor, wie ich sie in Der Keim erfahren durfte. Doch schnell folgt die Ernüchterung, denn Frühlingsnacht entpuppt sich als etwas Unheimliches, das, so fürchte ich recht schnell, ich nicht ganz zu begreifen werde.
Vesaas mag es, Dinge anzudeuten und nicht auszusprechen, um seine Leser zu fordern. Doch bei diesem Roman kapituliere ich nach kaum mehr als die Hälfte der Lektüre und beende ihn ohne Deutungszwang oder sonstiger Interpretationspirouetten. Ich konzentriere mich auf das, was hier geschrieben steht, denn sonst bricht in mir meine Verzweiflung sämtliche Dämme.
Hallstein, der 14jähre Junge, den ich schon von der ersten Seite in mein Herz geschlossen habe, ist der einzige Sonnenstrahl in all diesem Dunkel. Endlich ein Tag ohne Eltern, ein Tag, den er mit seiner Schwester verbringen und an dem er seinen Träumereien nachhängen kann. Und bis hierher hat mein Verstehen noch gereicht. Aber mit dem Auftritt der Familie kommt alles anders und Chaos bricht aus. Ungewollt gerät nicht nur Hallstein in eine äußerst schwierige Situation; auch ich verliere jeglichen Halt und komme mit den Geschehnissen kaum mehr klar. Bis zum Ende habe ich den Eindruck, dass Vesaas mir Erklärungen für Charakter und Handlungen schuldig ist.
Durchaus besticht der Text durch eine verdichtete Sprache mit atmosphärischen Beschreibungen und interessanten Figuren. Dennoch, in diesem Roman habe ich den Zugang dazu schwer gefunden. Stets habe ich den Eindruck es fehlen Teile in diesem schwierigen Puzzle, die mir ein Andocken an die Handlung erlauben würden.
Einziger Lichtpunkt am Ende des Romans, das auf mich tröstlich wirkt, weil die Horrornacht ein Ende hat und Hallstein wieder in sein Leben zurückkann, ist die Rückkehr der Eltern. Mit ihnen wird wieder Sicherheit und Geborgenheit in Hallsteins Leben einkehren.
Als ich das Buch zuklappe, fühle ich mich erleichtert. Ich habe es nicht ungern gelesen, doch waren für mich zu viele Szenen befremdlich, und der Wunsch, etwas mehr von den verborgenen Botschaften mitnehmen zu können, blieb mir verwehrt.
Fazit
„Frühlingsnacht“ von Tarjei Vesaas ist für mich eine schreckliche Erzählung über skurrile Ereignisse, die sich in einer Frühlingsnacht in einem Haus, in dem Hallstein mit seiner Schwester Sissel endlich einen Tag ohne Eltern zubringen darf, zutragen. Wenngleich ich Vesaas Sprache mag, empfinde ich ab einem bestimmten Zeitpunkt das Unausgesprochene und Undefinierte in der Handlung, dessen Bedeutung ich kaum verstanden habe, nur noch schräg.

Der Autor
Tarjei Vesaas zählt zu den bedeutendsten norwegischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Er wurde mehrfach für den Nobelpreis gehandelt, den er allerdings niemals erhielt.
Tarjei Vesaas (1897–1970) war der älteste Sohn eines Bauern in Vinje/Telemark, dessen Familie seit 300 Jahren im selben Haus lebte. Vesaas wusste früh, dass er Schriftsteller werden wollte, verweigerte die traditionsgemäße Übernahme des Hofes und bereiste in den 1920er und 1930er Jahren Europa. 1934 heiratete er die Lyrikerin Halldis Moren und ließ sich bis zu seinem Tod 1970 in der Heimatgemeinde Vinje auf dem nahe gelegenen Hof Midtbø nieder. Vesaas verfasste Gedichte, Dramen, Kurzprosa und Romane, die ihm internationalen Ruhm einbrachten.
Er schrieb seine Romane auf Nynorsk, der norwegischen Sprache, die – anders als Bokmål, das »Buch-Norwegisch« – auf westnorwegischen Dialekten basiert. Abseits der Großstädte schuf Vesaas ein dennoch hochmodernes, lyrisch-präzise verknapptes Werk mit rätselhaft-symbolistischen Zügen, für das er mehrmals für den Nobelpreis vorgeschlagen wurde. Als seine größten Meisterwerke gelten »Das Eis-Schloss«, für das er 1964 den Preis des Nordischen Rats erhielt, und »Die Vögel«, das Karl-Ove Knausgård als »besten norwegischen Roman, der je geschrieben wurde« bezeichnete. Quelle Guggolz-Verlag
Foto NTB / Imago
Der Übersetzer
Hinrich Schmidt-Henkel wurde für seine Übersetzungen aus dem Norwegischen mehrfach ausgezeichnet; nun erhält er (Anm. 2025) den ersten Fosse-Preis für Übersetzer der norwegischen Regierung.
Schmidt-Henkel wurde 1959 in Westberlin geboren und kam mit 12 Jahren nach Saarbrücken. An der Universität des Saarlandes studierte er Deutsch und Französisch auf Lehramt. Schon im Studium zeichnete sich ab, dass Schmidt-Henkel nach dem Referendariat wohl keinen Job als Lehrer antreten würde. Die 1980er-Jahre waren eine Hochphase der Lehrerarbeitslosigkeit.
Heute lebt der Übersetzer wieder in Berlin und ist seit 1987 als literarischer Übersetzer v.a. aus dem Französischen und Norwegischen tätig. 1991-1993 war er Persönlicher Referent, dann Pressesprecher von Christina Weiss in deren erster Legislatur als Hamburger Kultursenatorin. 2008-2017 im Ehrenamt 1. Vorsitzender, bis 2021 Beisitzer im Vorstand des Verbandes der Literaturübersetzer VdÜ. Mitglied im Literarischen Colloquium Berlin, LCB. Chorsänger mit breitem Repertoire von Renaissance bis Moderne, v.a. Kammermusik.
Zu seinen beiden anderen Arbeitssprachen kam Schmidt-Henkel auch per Zufall: zum Italienischen, als er als Erzieher in einem Kindergarten in der Südschweiz jobbte, und zum Norwegischen, weil er sich in einen Austauschstudenten verliebte. Schon als Kind hatte Hinrich Schmidt-Henkel Dänisch gelernt, später an der Uni auch Schwedisch. Alles Skandinavische habe er dann aber auf Norwegisch umgemünzt. Eine Sprache, die Schmidt-Henkel nicht systematisch, sondern empirisch gelernt hat.

Das vollständige Portrait des Übersetzer können Sie hier nachlesen.
Bibliografische Daten (Stand Mai 2025 – Guggolz Verlag)
- TITEL: Frühlingsnacht
- AUTOR: Tarjei Vesaas
- ÜBERSETZER: Hinrich Schmidt-Henkel
- GENRE: Roman
- VERLAG: Guggolz
- UMFANG: 240 Seiten
- ERSCHEINUNGSDATUM: 07. März 2025
- ISBN-13: 978 3 9453 7049 0
In meinem Blog finden Sie norwegische Literatur von Hamsun, Vesaas und bald von Fosse.



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