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Halbe Leben

3 Juni 2025

Autorin: Susanne Gregor

Buchbesprechung kurz & knapp zusammengefasst

Klara ist tot, beim Wandern abgestürzt. Bei ihr war nur Paulína, eine Slowakin, die Klara nach dem Schlaganfall ihrer Mutter eingestellt hat. Endlich war die Mutter versorgt gewesen. Klara konnte sich wieder ihrer Karriere widmen, ihr Mann seine Freiheit genießen.

Diese Person, die ihnen von der Agentur vermittelt werden wird, wer immer es ist, wird ihr ihr Leben zurückgeben,. …

Paulínas eigene Kinder wurden in der Zwischenzeit in der Slowakei von der Schwiegermutter betreut. Alles wunderbar organisiert, alles ganz einfach. Alle mochten Paulína, dankten ihr mit großzügigen Geschenken für Dienste und Extradienste. War man nicht eigentlich sogar schon befreundet?

Meine persönlichen Leseeindrücke zu „Halbe Leben“

Es fällt gleich auf, dass in Karlas Leben wenig zusammenpasst. Weder das Verhältnis zu ihrer Mutter Irene noch das zu ihrer Tochter ist harmonisch oder von liebevoller Zuneigung geprägt, die Beziehung zu ihrem Mann Jakob, einem erfolglosen Hobbyfotografen, durchwachsen, aber Karla hat ihre Karriere, einen Beruf, der sie erfüllt, einen Geschäftspartner, der ihr Potential kennt und gnadenlos ausnutzt aber mit Gold aufwiegt, und sie könnte sich ein Dasein leisten, das sich mit ihrem stattlichen Einkommen eigentlich genießen ließe.

Wäre da nicht der Schlaganfall der Mutter, der Klara zwingt, Fremde ins Haus zu lassen; zwei Pflegekräfte für je 2 Wochen im Turnus, damit sie den Druck ihrer Karriereleiter weiter standhalten und die Familie mit dem stets steigenden Gehaltseinnahmen in Laune halten kann, und ihre Mutter in besten Händen zu wissen. Radek und Paulína könnten unterschiedlicher nicht sein: er ein kleiner grauer Mann, sie eine attraktive, schüchterne junge Frau. Wenn der eine geht, kommt die andere und umgekehrt. Es gibt kaum Überschneidungspunkte, mit Ausnahme der lästigen kleinen Zettel, die Radek Paulína mit Anweisungen überlässt. Radek weiß, dass ist hier eine der guten Familien, so eine Stelle findet man nicht leicht.

Paulína kommt anfangs mit der Mutter und der Familie der Tochter gut zurecht. Zuhause hat sie dafür die Obhut ihrer Söhne auf die Schwiegermutter übertragen müssen, ein Umstand, den ihr Ex-Partner mit bissigen Kommentaren begleitet.

Das sind die Rahmenbedingungen, in denen sich das Psychogramm der beiden Frauen abspielt. Beide ähneln sich in ihrem Tun, weniger in ihrem Äußeren und sehr viel weniger in ihren Lebensumständen. Was die eine zu viel hat und nicht schätzen kann, hat die andere zu wenig. Und diese Diskrepanz erzählt Susanne Gregor unaufgeregt, berechnend, und ernüchternd kühl. Dass eigentlich nur Paulína erzählt, und Karlas Gedanken ab und an die Szenen vervollständigen, ist ein gut gesetztes Stilmittel. Denn automatisch ergreife ich Paulínas Partei, die weniger hat und mehr geben muss, die härter vom Leben getroffen ist und um die Liebe ihre Kinder kämpfen muss.

Doch dann prallt der Egoismus der wohlhabenden Eheleute mit enormer Wucht mit Paulínas Welt zusammen. Sie, die gerade die emotionale Verbindung zu ihren Söhnen zu verlieren droht, hat nichts von dem, was sie in Karlas Haus erlebt. Überfordert mit den Veränderungen, überkommt sie mit der Zeit ein Hassgefühl gegen das Glück, dass Karla nicht lebt, weil sie es nicht erkennen kann. Die Stimmung kippt als Karla und Jakob beginnen, zuerst subtil dann aber mit offen eiskalter Berechnung Paulína zu zwingen, ihre eigene Familie hintenanzustellen.

Und hier erkenne ich die unausgesprochene Fragen zum Zusammenleben Fremder unter einem Dach, wenn die Intimität nicht mehr gewährleistet ist. Wie würde ich an Paulínas Stelle reagieren? Wären straffe Strukturen, klar getrennte Rollen nicht besser? Ist unser überbordender Wille, Fremde als Familienmitglieder aufzunehmen, nicht vielleicht doch falsch?

Auch sie hat außer diesem Leben noch ein anderes, das sie alle zwei Wochen an- und wieder auszieht, auch ihr fehlt ein fester Boden.

Es braut sich Unheil zusammen. Paulína scheint auf den rechten Moment zu warten, es heimzuzahlen zu wollen für das Miterleben von diesem unerträglichen Glücksgefühl, dass Klara und Jakob für sich nicht zu schätzen wissen. Was es bedeutet, die eigenen Kinder alleine zu lassen, was es bedeutet, von ihrem ältesten abgelehnt zu werden, was es bedeutet, vom Ex keine Unterstützung zu erhalten, was es bedeutet, alleine dazustehen, was es bedeutet, finanziell ständig am Limit zu leben, davon haben Karla, Irene und Jakob keine Ahnung. Die Harmonie ist aus dem Gleichgewicht geraten.

Es ist dieses eisige Lächeln, das Karla später nicht aus dem Kopf gehen wird.

Karla und Paulína im direkten Vergleich! So könnte man den Roman auch sehen. Zwei Frauentypen, die beide für das finanzielle Auskommen sorgen, die auch gerne arbeiten, mit dem Unterschied aber, dass die eine für ihre Karriere auf das Muttersein verzichte und einen Partner hat, die andere nicht. Es ist diese Zwiespältigkeit, uns entscheiden zu müssen, zwischen zwei Richtungen, die sich noch nicht vereinbaren lassen und ob all die Arbeit doch alle Opfer wert ist. Ich kann das Dilemma gut nachvollziehen, kann mich in Karla und Paulìna sehen. Meine Entscheidung der Arbeit den Vorzug zu geben, wäre ohne meinen Mann nicht machbar gewesen und heute, im Nachhinein, würde ich ihn nur mehr bedingt gehen.

Da begreift sie es, und dieses Begreifen durchfährt ihren ganzen Körper: Es gibt nichts, was sie tun kann, um ihre Abwesenheit wieder gutzumachen.

Fazit

„Halbe Leben“ ist ein gut durchdachtes Psychogramm, das sich zwei fremden Frauen widmet, die aufgrund einer familiären Notwendigkeit unter einem Dach zusammenkommen. Beide müssen für ihre Familien sorgen, doch wo die eine ihr Glück nicht sieht, erkennt die andere ihr eigenes Unglück. Der aufgestaute Frust, der Paulína die Liebe ihrer Kinder nimmt, hält dem Druck im entscheidenden Moment nicht stand.

Halbe Leben

Die Autorin

Susanne Gregor, 1981 in Žilina (Tschechoslowakei) geboren, zog 1990 mit ihrer Familie nach Oberösterreich. Nach dem Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg lehrte sie ein Jahr lang an der University of New Orleans. Seit 2005 wohnt Gregor in Wien, wo sie Deutsch als Fremdsprache unterrichtet. 2009 gewann sie den Förderpreis des Hohenemser Literaturpreises und 2010 den ersten Preis der exil-literaturpreise. 2011 erschien ihr Debütroman, »Kein eigener Ort«. Quelle: Hanser Literaturverlage

Susanne Gregor Foto © Laura J Gerlach

 
 
Bibliographische Daten (Stand Mai 2025 – Paul Zsolnay Verlag)
  • TITEL: Halbe Leben
  • AUTORIN: Susanne Gregor
  • VERLAG: Paul Zsolnay Verlag im Hanser Literaturverlage
  • GENRE: Roman
  • UMFANG: 192 Seiten
  • ERSCHEINUNGDATUM: 28. Januar 2025
  • ISBN-13: 978 3 5520 7523 8

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