Autorin: Katie Kitamura
Aus dem Englischen von Kathrin Razum
Buchbeschreibung kurz & knapp zusammengefasst
Klappentext: Die heimatlose Erzählerin verlässt New York, um am Gerichtshof in Den Haag als Dolmetscherin zu arbeiten. Als sie Adriaan kennenlernt, scheint die Stadt zur Antwort ihrer Sehnsüchte zu werden. Doch dann verschwindet er zu seiner Noch-Ehefrau und hinterlässt nichts als Fragen. Fragen, die sich zu einem existenziellen Abgrund auftun, als sie für einen angeklagten westafrikanischen Kriegsverbrecher dolmetschen muss und zweifelt: Was ist kalkulierte Lüge, was Wahrheit? Glauben nur noch die Naiven an Gerechtigkeit? Wer kann über wen richten?
Meine persönlichen Leseeindrücke zu „Intimitäten“
Selten lässt mich ein Roman so verwirrt zurück wie Intimitäten. Orientierungslos durchwandere ich während des Lesens die Zeilen und suche aussichtslos einen Anhaltspunkt, wie Titel und Romanhandlung irgendwie in Einklang zu bringen wären. Nichts, aber auch wirklich gar nichts, kann ich auf Intimitäten zurückführen, und das ist eigentlich eine Tragödie.
Auf der Suche nach einem Sinn habe ich das World wide Web nach Intimität durchforstet, aber auch da wenig Neues erfahren. Das Wort bedeutet nun mal „tiefe Nähe und Vertrautheit, das Teilen von innersten Gedanken, Gefühlen und Verletzlichkeit mit anderen, was zu starker Verbundenheit führt“, daran scheint nicht zu rütteln.
Denn der Roman gefällt mir, besonders wie Katie Kitamura die Ich-Erzählerin ihre Einsamkeit, oder vielmehr ihre Suche nach Heimat oder zumindest nach einem sanften Heimatgefühl vermittelt. Doch warum ihre Tätigkeit als Dolmetscherin so in den Vordergrund stellen? Welche Verbindung soll ich zwischen ihrer Arbeit als Dolmetscherin und ihre Heimatssuche sehen? Letztlich bleibt die Frage, was der Sinn der Sache ist. Denn da kracht der Prozess gegen einen afrikanischen Machthaber mit solcher Wucht ins Geschehen, herrscht nach Aufmerksamkeit und brilliert in juristischem Wahnwitz, dass die Geschichte mit Adriaan oder jene mit Jana, Eline und ihrem Bruder Anton alsbald untergehen. So ganz kapiere ich nicht, warum das ganze Drumherum, denn sollte es um die Orientierungslosigkeit gehen, die sich voll und ganz auf mich überträgt in mehrfacher Hinsicht, nur dann hat Katie Kitamura ganze Arbeit geleistet.
Ich dachte: Ich will nach Hause. Ich will irgendwo sein, wo ich mich zu Hause fühle. Wo das allerdings war, wusste ich nicht.
Auffällig, und weil ich den Roman vor nicht allzu langer Zeit gelesen haben, ist die sprachliche Ähnlichkeit zum Roman Blaue Frau, deren Protagonistin ähnlich heimatlos durch ein Leben gleitet und Schutz und Halt sucht. Die Erzähltechnik, in der eine nicht näher bestimmte Ich-Erzählerin, die ich mir bildlich kaum vorstellen kann, sondern die ich nur als eine Frauenrolle in einer Hülle wahrnehme, triggert meine Solidarität mit der Romanfigur, die ich kaum (be)greifen kann. Ebenso wirken sich die klare Eingrenzung von Orten, in denen die Handlungen ablaufen, und die weiteren Romanfiguren mit ihren klaren Konturen intensiv auf die Erzählung aus. Es gibt Parallelen, auch wie ich auf das Gelesene emotional reagiere.
Fazit
Wer in Intimitäten nach tiefer Nähe und Vertrautheit sucht, wird sich wundern, denn es geht im Roman um Orientierungslosigkeit, die Suche nach Heimat oder einem Gefühl danach, und um einen Prozess am Gerichtshof in Den Haag, in dem die namenlose Ich-Erzählerin für einen westafrikanischen Kriegsverbrechen als Dolmetscherin berufen ist. Es ist durchaus ein Roman der nachhallt, aber der auch verwirrt zurücklässt.

Die Autorin
Katie M. Kitamura (geboren 1979 in Sacramento, US-Bundesstaat Kalifornien) ist eine US-amerikanische Schriftstellerin, Journalistin und Literaturkritikerin. Katie Kitamura ist das Kind japanischer Immigranten. Sie wollte zunächst Ballerina werden. Sie graduierte 1999 an der Princeton University und wurde 2005 mit der Dissertation The Aesthetics of Vulgarity and the Modern American Novel am London Consortium promoviert. Sie schreibt für zahlreiche Zeitungen, darunter The New York Times, Wired und The Guardian. Katie Kitamura lebt in New York.
Mehr über die Autorin erfahren Sie auf ihrer Website.
Photo credit: Clayton Cubitt
Die Übersetzerin
Kathrin Razum, geboren 1964, studierte in Heidelberg Amerikanistik und Geschichte. Während ihrer akademischen Ausbildung arbeitete sie als freie Lektorin im Palmyra Verlag in Heidelberg; und kam durch diese Tätigkeit zum Übersetzen. Seit Anfang der 1990er Jahre arbeitet sie hauptberuflich als freie Literaturübersetzerin. Kathrin Razum lebt bei Heidelberg und übersetzt u. a. Susan Sontag, V. S. Naipaul, Edna O’Brien, Hilary Mantel, Rebecca Solnit und Laird Hunt.
Bibliographische Daten (Stand Januar 2026 – dtv)
- TITEL: Intimitäten
- AUTORIN: Katie Kitamura
- ÜBERSETZUNG: Kathrin Razum
- GENRE: Roman
- VERLAG: Carl Hanser Verlag
- UMFANG: 218 Seiten
- ERSCHEINUNGSDATUM der gelesenen Ausgabe: 22. August 2022
- ISBN-13: 978 3 4462 7404 4
Für die Buchbesprechung zu Kitamuras neuesten Roman klicken Sie bitte auf den Buchtitel: Die Probe



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