Autor: Paul Lynch
Aus dem Irischen von Eike Schönfeld
Buchbeschreibung kurz & knapp zusammengefasst
Bolivar, manchmal auch Porky genannt, ist ein erfahrener Fischer. Er hat eine Dummheit begannen und braucht nun sehr schnell sehr viel Geld, damit ihm nicht die Ohren abgeschnitten werden. Obwohl eine Sturmwarnung gilt, muss er deshalb zum Fischen raus aufs unruhige Meer. Hector, ein junger Mann aus dem Dorf, der weder Erfahrung mitbringt noch Lust hat mitzukommen, lässt sich durch eine versprochene hohe Geldsumme überreden sein Assistent zu sein. Schnell wird klar, er ist für diese Seefahrt nicht geeignet. Auf dem Wasser zieht der Sturm auf und Bolivar und Hector sollten zum Hafen zurückkehren.
Das ist unwirklich, denkt er. Ich fasse es nichts. Der Sturm ist in einem Wimpernschlag gekommen.
Meine persönlichen Eindrücke zu „Jenseits der See“
Was ist „Jenseits der See“? Eine Antwort kann ich nicht geben, auch nach der Lektüre dieses aufwühlenden Romans bleibt mir ein Zweifel, was Paul Lynch damit gemeint haben könnte.
Die Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht, erzählt von Bolivar und Hector, zwei südamerikanischen Fischern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Altersmäßig trennt sie eine Generation, von Statur ist einer stark, fast füllig, der andere schmächtig mit hagerer Gestalt, doch der größte Kontrast liegt in ihrem Charakter. ein alter Atheist und ein junger Gottvertrauender bzw. Marienverehrer.
Geld war der auslösende Moment für dieses Drama, wenngleich auch hier für beide Männer unterschiedliche Beweggründe vorliegen, die Bootsfahrt unter schlechtesten Wetterbedingungen in Angriff zu nehmen. Der Sturm kommt, sie überleben in der Panga, dem kleinen einfachen Fischerboot, aber der Motor und auch das Funkgerät sind irreparabel kaputt. Was nun beginnt ist ein Überlebenskampf, der in halluzinatorische Gewalt ausartet, die für beide bald weit gefährlicher wird.
Das sind die längsten Stunden. Das der längste Tag. Sie sitzen wie Gefangene in der Sonne, zwischen den beiden Männern ballt sich Schweigen.
Paul Lynch bietet in seinem soeben auf deutsch erschienen Roman „Jenseits der See“ ein Psychogramm mal 2 in poetisch erfinderischer Sprache. Fast ausgeglichen widmet er sich beiden Romanfiguren: dem alten Fischer, mit unbändigem Lebenswillen und wachem Geist ausgestattet, der die Hoffnung auf Rettung niemals aufgibt, weil er weiß, sie wird kommen, irgendwann.
Ich glaube wirklich, wir schaffen es.
Und Hector, der (zu) schnell die Hoffnung und sich aufgibt, um sich in Gottes bzw. Marias Hand zu begeben, weil ihm die nötige Kraft für das Überleben fehlt.
Sei vorsichtig, sagt er (Anm. Bolivar zu Hector). Du verlierst den Halt.
Die Darstellung der Wochen und Monate auf der Panga, die Beschaffung lebenswichtiger Alimente wie Trinkwasser und Nahrung, die Zweisamkeit der ungleichen Männer auf engstem Raum und die Unmöglichkeit sich gegenseitig auszuweichen, lassen die Handlung zu einem dichten, dramatischen Konflikt heranwachsen, der mit geschickt gesetzten Höhenpunkten überzeugt. Es stehen Lebenswille, für die Bolivar alles bereit ist zu tun, gegenüber körperlicher und psychischer Gebrechlichkeit. Unbeugsamkeit prallt auf ein sich dem Schicksal ergeben.
Ich wollte wie du sein, Bolivar. Ich dachte, ich könnte wie du sein. Ich hab versucht, Sachen wie du zu machen. Das kannst du alles so gut. Aber ich kann nicht wie du sein. Ich kann mich nicht ändern.
Wenn zu Beginn der Seefahrt Bolivar nichts als Verachtung für den jungen Assistenten empfing, so wandelt sich dieses Gefühl bald in Vergebung und fast väterliche Zuneigung, denn niemals kann Bolivar es zulassen, dass er den Jungen nicht wieder lebendig heimbringt. So wandeln sich all diese Unvereinbarkeiten in eine Verantwortung für den Jungen. Doch Bolivar hofft vergebens auf ein Zeichen von Hectors Lebenswillen.
Es tut mir so leid, Hector, das tut mir so sehr leid. Es ist alles meine Schuld. Ich habe nicht auf dich aufgepasst. Bitte verzeih.
Allein auf dem Fischerboot droht Bolivar seinen Halluzinationen zu erliegen. Er kämpft, weil er ganz tief in sich weiß, dass er überleben wird.
Nach der Lektüre hallt der Roman laut in mir. Die Geschichte hat an meiner Selbstsicherheit gerüttelt und unwillkürlich frage ich mich: wäre ich Bolivar oder Hector? Ich kann nicht antworten, ich weiß schlicht nicht, ob ich in einer ähnlichen Extremreaktion Bolivars Willensstärke nach Leben hätte.
Fazit
Paul Lynch überzeugt auch mit dem soeben ins Deutsche übersetzten Roman „Jenseits der See“. Die charakterliche Darstellung zweier Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten, in einer Extremsituation, die sich viele Monate hinzieht, schriftstellerisch in einer poetischen und manchmal erfindungsreichen Sprache verfasst, hat mich begeistert und wird mir mein Leben lang in Erinnerung bleiben.

Was ist Hoffnung anderes als eine kleine Flamme? Man nährt sie mit einer Kleinigkeit und dann mit noch einer. So leben wir.
Der Autor
Paul Lynch, geb. 1977 in Limerick, wuchs in Donegal auf und lebt in Dublin. Von 2007 bis 2011 war er Chef-Filmkritiker der irischen Zeitung »Sunday Tribune« und schrieb regelmäßig für die »Sunday Times«. Seitdem ist er hauptberuflich Autor. Seine Werke wurden mit zahlreichen Preisen in Irland und UK ausgezeichnet. Für seinen Roman Das Lied des Propheten erhielt er den Booker Prize 2023. Paul Lynch hat eine offizielle Website.
@Getty
Der Übersetzer
Eike Schönfeld wurde 1949 in Rheinsberg geboren und wuchs in Schwäbisch Hall auf. Nach dem Studium der Anglistik und Germanistik in Freiburg promovierte er über Oscar Wilde. Von 1982 bis 1986 arbeitete er am Europäischen Übersetzer-Kollegium in Straelen. Seit 1986 lebt er als freier Übersetzer in Hamburg. Er hat zwei Söhne. Seit über 30 Jahren übersetzt er englische Literatur und wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis der Leipziger Buchmesse.
@Steven Wassenaar
Bibliographische Daten (Stand August 2025 – Klett-Cotta Verlag)
- TITEL: Jenseits der See
- AUTOR: Paul Lynch
- ÜBERSETZER: Eike Schönfeld
- GENRE: Roman
- VERLAG: Klett-Cotta Verlag
- UMFANG: 192 Seiten
- ERSCHEINUNGSDATUM: 11.07.2025
- ISBN-13: 978 3 6089 6688 6
Weitere Bücher des Autors in meinem Blog:
- 2024 Das Lied des Propheten (Booker Prize 2023)



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