Autor: Hanns-Josef Ortheil
Buchbeschreibung kurz & knapp zusammengefasst
Hanns-Josef Ortheil beschäftigt sich in seinem Buch „Lesehunger“ mit dem Leser. Er analysiert, erörtert und untersucht die Räumlichkeiten, in denen Lesen und auch Schreiben stattfinden, beschäftigt sich mit dem Erlernen des Lesens und des Schreibens, triftet ab in seine französische Lieblingsliteratur und komponiert daraus ein 12 Kapitel langes Gespräch, in denen er auf Fragen einer nicht namentlich genannten Besucherin antwortet, die ihn in seinem Anwesen in Stuttgart, auf einem großen, hoch angelegten Gartengelände mit Blick auf die Stadt für eine Woche lang besucht hat.
Ähnelt eine solche Liste nicht einem Koch-Rezept? …: Man nehme und nehme und füge hinzu und nehme noch davon, man lese ein wenig hier und lese dort, man gehe ein wenig hinaus, man lese und komme auf dieses und jenes zurück …, und schon ereignet es sich, das schöne Gespräch …
Meine persönlichen Leseeindrücke zu „Lesehunger“
Leser sind Genussmenschen. Das steht schon in meinem Blog und deshalb gibt es dort auch ein paar Rezepten von Speisen, die ich ab und an für meine Familie koche. Das Buch „Lesehunger“ bestätigt in souveräner weise meine These.
Man kann das Lesen sehr gut mit der Nahrungsaufnahme vergleichen, ja man kann sagen: Das Lesen ist die Befriedigung einer bestimmten Form von elementarem Hunger. … Lesen ist die Zuführung einer bestimmten Speise, und diese Speise ist nicht nur „geistiger Art“, wie man oft sagt, sondern immer auch etwas Sinnliches.
Es geht von diesem Buch etwas unglaublich Anziehendes aus und ich möchte es gar nicht aus der Hand legen, so fasziniert bin ich mehr zu erfahren über etwas, das ich in der dargebotenen Intensität über Lesen und Schreiben bisher kaum beachtet habe und das mich vor manchem Leseleiden erlöst hätte.
Ortheil erörtert in einem Gespräch mit einer nicht genannten Besucherin, das sich über einige Tage erstreckt, seine persönlichen Beziehungen zur Literatur. In 12 Gängen tischt er Gedanken und Ausführungen zum Lesen und auch Schreiben in verschiedenen Räumen und Zeiten auf, begründet seine Vorlieben, macht Abstecher zur französischen Literatur, die in seinen Jugendjahren seine Vorstellung vom Schreiben entscheidend geprägt hat. Er erklärt auch, was es mit dem Schreiben auf sich hat.
Alles was der Autor nicht brauchte, um seine eigene Welt zu erfinden und darzustellen, wurde weggelassen, sodass eine inhaltliche wie sprachliche homogene entstanden ist, die uns gerade durch diese Homogenität fesselt und ihren Bann zieht.
Seit ich die Bücher nach obigem Muster betrachte, kann ich meine Zuneigung oder auch Abneigung zu einem Werk verstehen und auch besser ausdrücken. Ich tu mich nun mit kritischen Bewertungen leichter, weil ich mit der obigen Aussage ein Werkzeug in der Hand habe, dass es mir ermöglicht, ein Werk so zu beurteilen, wie ich es empfunden habe. Ich habe also eine Ahnung, an was es liegen konnte, dass mir ein Buch besonders gefallen oder eben weniger zusagt hat.
Der Zusammenhang mit Lesen und Schreiben war mir bekannt, wenngleich nicht in dieser Ausführung. Was ich aber bisher nicht wusste war, warum ich niemals zur Schriftstellerin taugen werde: Lesen ist für mich nichts Lebensnotwendiges, es ist purer Genuss!
Fazit
„Lesehunger“ ist eine literarische Überraschung! Eingepackt in ein Gespräch mit einer unbekannten Besucherin analysiert, erörtert und untersucht Hanns-Josef Ortheil Räumlichkeiten, in denen Lesen und auch Schreiben stattfinden, beschäftigt sich mit dem Erlernen des Lesens und des Schreibens, triftet ab in seine französische Lieblingsliteratur und komponiert daraus ein 12 Kapitel langes Gespräch.

Man sollte, phantasiere ich, eine neue Rezensionsform einführen, Rezensionen aus wenigen, ganz aus dem Herzen kommenden Sätzen, die den Leser auf umwerfende Weise animieren, sich sofort ein bestimmtes Buch oder am besten gleich alle Bücher eines Autors zu kaufen.
Der Autor
Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln ist einziges (überlebendes) Kind einer Bibliothekarin und eines Vermessungsingenieurs. Vor seiner Geburt hatten die Eltern vier Söhne im Krieg und in der Nachkriegszeit verloren. Im Alter von drei Jahren folgte Ortheil seiner wegen dieser traumatischen Ereignisse verstummten Mutter und sprach ebenfalls nicht mehr. Erst von seinem achten Lebensjahr an wurden diese schweren Störungen durch einen täglichen, unkonventionellen Schreibunterricht der Eltern allmählich behoben.
Kurze Zeit später wurde seine besondere Begabung für das Erzählen bereits deutlich, und er veröffentlichte erste Erzählungen in Tageszeitungen. Das Schreiben wurde mit der Zeit immer mehr zu einem existentiellen Medium des Überlebens. Neben der Literatur hatte die Musik für den anfangs Sprachlosen die größte Bedeutung. Er erhielt früh Klavierunterricht und setzte seine pianistische Ausbildung später als Schüler von Daniela Ballek und Claudio Arrau fort.
Nach einem krankheitsbedingten Abbruch seiner pianistischen Laufbahn arbeitete er als Film- und Musikkritiker und begann später ein Studium der Musikwissenschaften, Philosophie, Germanistik und Vergleichenden Literaturwissenschaft in Mainz, Rom, Göttingen und Paris.
Hanns-Josef Ortheil ist Honorarprofessor der Universität Heidelberg und Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. 2009 wurde er erster Direktor des neu gegründeten Instituts für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft der Universität Hildesheim.
Für weitere Informationen über Hanns-Josef Ortheil besuchen Sie seine Website.
© Frank Bauer – Luchterhand
Bibliographische Daten (Stand November 2023 – Luchterhand)
- TITEL: Lesehunger
- AUTOR: Hanns-Josef Ortheil
- GENRE: Literarisches Gespräch
- VERLAG: Sammlung Luchterhand
- UMFANG: 240 Seiten
- ERSCHEINUNGSDATUM: 02. März 2009
- ISBN-13: 978 3 6306 2153 1
Wer mehr über das Lesen und Schreiben erfahren möchte, dem empfehle ich George Saunders wunderbares Buch Bei Regen im Teich schwimmen (Von den russischen Meistern lesen, schreiben und leben lernen)



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