Autor: Matthias Jügler
Buchbeschreibung kurz & knapp zusammengefasst
Jedes Jahr um Pfingsten herum beginnt am Oberlauf der Unstrut die Maifliegenzeit. Für Hans ist dies jedes Mal ein aufregendes Erlebnis, ein wundervolles Naturereignis, das er gerne betrachtet. Es ist aber auch die Zeit, in der er besonders an den Verlust seiner Frau und seines Sohnes gedenkt.
Es war eine sehr schwere Zeit vor fast 40 Jahren. Katrin, im Halbwachstadium der Kaiserschnittnarkose, hat den Jungen kräftig schreien hören und doch ist er während der notwendigen Einlieferung in ein anderes Krankenhaus verstorben. Die junge Mutter hat das nie geglaubt und er, anstatt sich aufzurappeln und etwas zu unternehmen, duckte sich einfach weg.
Der Tod Daniels widerspricht dem natürlichen Ablauf des Lebens auf so ungeheuerliche Weise, dass der leiseste Gedanke daran mich immer noch aus dem Gleichgewicht bringen kann.
So begann er lange Zeit den Gedanken an sein Kind und Katrin zu unterdrücken. Er wusste sich nicht anders zu helfen und es schien, wenn schon nicht gut, doch für ihn zumindest in Ordnung zu sein.
Als 40 Jahre später das Telefon klingelt und sein Sohn am Apparat ist, versucht Hans sich auf ein erstes Treffen vorzubereiten. Es läuft alles anders, als er es sich hätte jemals vorstellen können.
„Denkst du wirklich, du kannst hierherkommen und mir dann diese Opfergeschichte auftischen?“
Meine persönlichen Leseeindrücke zu „Maifliegenzeit“
Es müssen nicht immer dicke Wälzer sein, die eine gewaltige Geschichte erzählen. In diesem Fall sind etwa 160 Seiten genug und ich habe über ein Schicksal erfahren, das mich mein Leben lang begleiten wird.
Die Umstände, die Katrin und Hans von ihrem Sohn getrennt hatten, begründen ein unfassbar schmerzliches Schicksal, das aus der Sicht des Ich-Erzählers Hans geschildert wird. Trauer überwiegt, Hoffnungslosigkeit entkräftigt die Lebensfreude, es erdrückt mich fast selbst.
Wären da nicht die Unterbrechungen, die der Angelleidenschaft Hans zu verdanken sind, würde die Resignation die Oberhand gewinnen. Ich frage mich, welche Bedeutung der Autor dem Angeln beimisst, denn die zahlreichen Einlagen nehmen fast die Hälfte des Buches ein.
Vielleicht will er einen biblischen Bezug herstellen – was auch immer: die Angelszenen beruhigen mich ungemein und lassen die sehr intensiven Schilderungen dieser fassungslosen Geschichte erträglich erscheinen.
Ich spürte die Wärme seiner Hände auf meinen Schultern. Daniels Hände. Aber sie lagen seltsam schlaff auf mir, während ich ihn fest an mich drückte.
Doch wer glaubt ein todtrauriges Buch zu lesen, irrt sich gewaltig. Es ist die überaus ruhige und bedachte Erzählstimme, die durch ein lebensbejahendes Klangspiel die Stimmung des Romans „Maifliegenzeit“ vor der Tristesse rettet.
Etwas Ähnliches hatte ich schon einmal gelesen, eine ähnliche Thematik wenngleich aus umgekehrter Sichtweise, erzählt auch Przemek Zybowski in Das pinke Hochzeitsbuch. Vielleicht ist es die höchst emotionale Authentizität, die auf eine wundersame Weise eine Verbindung zu mir herstellt und mich an das Buch fesselt.
Eine unerwartet harte aber unglaublich intensive Wendung erfährt die Geschichte, als sich der Sohn nach fast 40 Jahren meldet. Der Totgeglaubte lebt und was immer Hans sich hat denken können oder wollen, niemals wäre er auf die Idee gekommen, dass es eine andere Realität als seine geben kann.
Der Bruch, kurz nach dem Kennenlernen, das Misstrauen des Sohnes und der Charakter des Vaters, schließen vermeintlich die Geschichte. Ein mögliches Ende, ich kann Martin (Anm. der Sohn „Daniel“) durchaus verstehen und hätte vermutlich genauso gehandelt.
Mir wurde schlecht, buchstäblich schlecht bei dem Gedanken daran, dass Daniel davon ausging, wir hätten ihn nicht gewollt.
Doch nun wieder eine Wendung, überraschend und ganz kurz vor dem Ende, aber gerade deshalb umso schöner, die nur der Sohn möglich machen konnte. Bis dahin vergeht ein Jahr bevor die Maifliegenzeit wiederkommt.
Fazit
„Maifliegenzeit“ von Matthias Jügler beschäftigt sich mit der staatlich organisierten Säuglingsentführung in der ehemaligen DDR. Ein schweres Thema, das in einer Atmosphäre der Hoffnung unglaublich einfühlsam geschrieben ist.

Der Tod eines Neugeborenen gehört zu den Dingen, die am äußersten Rand unserer Vorstellungskraft liegen.
Der Autor
Matthias Jügler, geboren 1984 in Halle/Saale, studierte u.a. Skandinavistik in Greifswald und Oslo sowie Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Er ist der Herausgeber der Anthologien Wie wir leben wollen. Texte für Solidarität und Freiheit (Suhrkamp, 2016) und WIR. GESTERN. HEUTE. HIER. (Piper, 2020), arbeitet journalistisch und als freier Lektor. Der Roman Die Verlassenen stieß in der Presse auf große Begeisterung.
Weitere Informationen finden Sie auf der Website des Autors.
@Michael Bader
Bibliographische Daten (Stand Juli 2024 – Penguin Random House)
- TITEL: Maifliegenzeit
- AUTOR: Matthias Jügler
- GENRE: Roman
- VERLAG: Penguin Random House
- UMFANG: 160 Seiten
- ERSCHEINUNGSDATUM: 13. März 2024
- ISBN-13: 978 3 3286 0289 7



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