Autor: Thomas Schlesser
Aus dem Französischen von Nicola Denis
Buchbesprechung kurz & knapp zusammengefasst
Monas Augen haben ein Problem. Ein Anfall katapultiert Mona für unendlich lange 63 Minuten in die Finsternis und verursacht eine vorübergehende Blindheit, was Monas Eltern und vor allem dem Großvater einen großen Schreck einjagt.
Mona ist ein liebes, intelligente, aufrichtiges, lustiges und neugieriges Mädchen, das gerade beginnt, die Welt kennenzulernen. In ihrem jungen Alter erfreut sie sich an allem, das es jeden Tag neu zu entdecken gibt. Umso tragischer wäre ein Leben im Schatten, jenseits der bunten Farben und Formen, die das Herz beglücken können. Während sich Dr. Van Orst um das medizinische Wohl der jungen Patientin kümmert, nimmt sich der Großvater beherzt ihrer jungen Seele an und führt Mona in die unendliche Welt der Kunst ein. Sein Ziel ist es Mona anhand von 52 Meisterwerken die Verbindung der Kunst zu den Gefühlen und dem Leben zu zeigen, bevor es dafür zu spät sein könnte.
Mona begriff, dass es manchmal eines wunderbaren Zufalls bedurfte, damit ein Meisterwerk auch wirklich entstehen konnte; dass man immer den Pionieren dankbar sein musste, die das Genie eines Künstlers vor allen anderen erkannten.
Meine persönlichen Leseeindrücke zu „Monas Augen“
Wäre da nicht diese Rahmengeschichte, die so unglücklich einen netten Handlungsstrang erzählt, das Buch wäre durchaus die Höchstnote wert. Doch diese langweilige, etwas bemühte und sehr einfach gehaltene Geschichte um Mona und ihren Dadè ist so simpel gehalten, dass sie zu den hervorragenden Bilderszenen eine unüberbrückbare Divergenz darstellt, die dem Roman jede Harmonie nimmt. Das ist unglaublich schade, denn dadurch leidet mein Lesefluss ungemein, er verlangsamt sich bis er nur mehr dahinschleicht und ich überlege, diese Seiten auszulassen, um mich nur den Kunstwerken zu widmen.
Denn darum geht es in diesem Roman, um 52 ausgewählte Meisterwerke, fast ausschließlich aus dem Fach der Malerei, vom 15 Jahrhundert bis in die Neuzeit, die im Louvre, Museum D’Orsay und Centre Pompidou ausgestellt sind. Und langsam, ganz langsam, nur ein paar Bilder pro Tag, lese ich von der Verstrickung von Zeitgeschehen, Literatur und Kunstgeschichte, handwerklichem Geschick und der Genialität der großen Meister.
Dadè, Monas Großvater, ist ein Kunstkenner und hat sich für seine Enkelin einen kolossalen Kunstkalender ausgesucht, damit sie durch die Kunst auch im schlimmsten Falle einer Erblindung das Pulsieren des Lebens spüren kann. Er sucht bewusst Werke aus, die ihr das Leben mit seinen Farben- und Schattenseiten zeigen. Doch es geht nicht nur um die Werke selber. Zu jedem kann Dadè etwas über die Meister, von ihrem Leben und ihren Handeln, ihren beruflichen und privaten Erfolgen und Sorgen erzählen. Zudem bindet er diese Informationen geschickt in die gesellschaftlichen und politischen Situationen der damaligen Zeit ein und stellt Verbindungen zur Musik und der Literatur her, zeigt auf, wer mit wem befreundet oder verfeindet war und wer von wem beeinflusst wurde, wer die Szene revolutionierte und neue Grenzen aufsuchte.
Die Kunstwerke sind im Buchschnitt abgebildet, sodass ich sie mir jeweils anschaue, bevor und nachdem ich die Beschreibung gelesen habe. Das zweite Mal verweile ich meist länger und versuche zu finden, was in der Beschreibung angemerkt steht. Sehr schade, dass die besprochenen Bilder und Skulpturen nur ganz klein im Buchschnitt abgebildet sind. Im Internet gibt es mehrere Abbildungen mit verschiedenen Farbintensitäten, aber das hilft nicht wirklich weiter. Man müsste halt freilich vor dem Gemälde stehen! Und ich versuche mir die Werke und die Museen vorzustellen, mittendrinnen im Gewusel der Besucher.
Die Bilderchronologie ist wahrhaft grandios gelungen. Am liebsten würde ich mich sofort auf den Weg nach Paris machen um dort, Tag für Tag, jeweils nur ein Kunstwerk betrachtend und das Buch unterm Arm mitführend, dem Zauber der Farben und Formen und der Lebensfreude zu erliegen.
Auch das stand also hinter den Bildern: nicht nur komplizierte Interpretationen, kühne Analysen und unzählige Hypothesen, nein, unter all den Pigmentschichten musste man sich dieses seelenlose Mischung aus Stoff und Holz vorstellen, die entwaffnende Banalität des Materials, auf dem ab und zu unvergängliche Moment der Menschheit festgehalten wurden.
Fazit
52 Kunstwerke (vom 15. Jahrhundert bis zur Moderne), ausgestellt in den Pariser Museen Louvre, Musée D’Orsay und Centre Pompidou gilt es mit „Monas Augen“ kennenzulernen: das ist dem Kunsthistoriker Thomas Schlesser gelungen. Weniger toll ist die Rahmengeschichte, die zwar ihre Berechtigung hat, aber von literarisch schwacher Leistung, sodass sie schlussendlich eher stört als hilfreich wirkt.

Der Betrachter macht die Kunst!
Der Autor
Thomas Schlesser ist Kunsthistoriker und lehrt an der École polytechnique in Paris. „Monas Augen“ ist sein erster Roman, der in über 30 Sprachen erscheint und auf der Shortlist des Grand Prix RTL-Lire stand. Als Direktor der Fondation Hartung-Bergman in Antibes hat er neben zahlreichen anderen Büchern eine Biografie über die norwegische Malerin Anna-Eva Bergman veröffentlicht. Schlesser forscht zur Kunst der Moderne am Schnittpunkt zu Politik und Naturwissenschaften. Darüber hinaus setzt er sich für die Vermittlung von Kunst an ein breites Publikum ein. Quelle: Piper
N.B. Das Buch wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Im Italienischen trägt es den Titel Gli occhi di Monna Lisa, weil „Mona“, im venezianischen Dialekt mehrere wenig schmeichelhafte Bedeutungen hat, u.a. Dummkopf.
@Roberto Frankenberg
Die Übersetzerin
Nicola Denis wurde 1972 im niedersächsischen Celle geboren. Nach einem Sprachaufenthalt in Paris 1991/1992 studierte sie in Köln Germanistik, Kunstgeschichte und Romanistik. Seit 1995 lebt sie zusammen mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in Westfrankreich. Seit 2002 arbeitet Nicola Denis hauptberuflich als Literaturübersetzerin. 2022 erschien im Klett-Cotta-Verlag ihr erstes Buch “Die Tanten”.
Weitere Informationen über Nicola Denis finden Sie in ihrer Website.
Bibliographische Daten (Stand Oktober 2024 – Piper)
- TITEL: Monas Augen
- AUTOR: Thomas Schlesser
- ÜBERSETZUNG: Nicola Denis
- GENRE: Roman
- VERLAG: Piper
- UMFANG: 495 Seiten
- ERSCHEINUNGSDATUM: 26. September 2024
- ISBN-13: 978 3 4920 7296 0
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