Autor: Joachim B. Schmidt
Buchbeschreibung kurz & knapp zusammengefasst
Seht her, hier steht der Hüne Ósmann, der seine Seilfähre mit starker Hand über die Flussmündung Ós führt. Ein toller Mann, hochgewachsen, freiheitsliebend, mit gemeißeltem Körper und dichtem Bart. Er, der weit bekannte Fährmann, Robbenjäger, Trinker und Poet, liebt das Leben, seine Heimat und die Menschen.
Seine Bühne war der Fabelstrand, seine Kulisse der Skagafjord.
Wenn er nicht auf dem elterlichen Hof in Nes ist, findet man ihn in seinem Torfhaus, über dessen Eingang das Schild Emanuel hängt. Es ist nicht mehr als eine Hütte, zu niedrig, als dass er darin aufrecht stehen könnte, aber mit einem stets gut gefüllten Fass Brennivín unweit der Fähre Botna gelegen, sodass er, sollte jemand vom Fabelstrand über den Ós nach Krók oder umgekehrt übersetzen wollen, schnell zur Stelle ist. Er wird gebraucht, ist unabkömmlich, denn keine Brücke verbindet beide Landteile.
Die Bezirkwasser entspringen einem Hochlandgletscher und sind heimtückisch, ruhig und gemächlich fließen sie dahin und geben ihre Strömungen und Tiefen im milchigen Wasser nicht preis. Und Ósmann, der erfahrene Fährmann, der wie kein anderer die Bezirkswasser kennt, setzt für ein paar Öre die Fährgäste sicher ans andere Ufer.
Doch so sicher wie er mit starker Kraft die Fähre führt und für eine sichere Überfahrt sorgt, so sehr stellt ihn Schicksal vor große Proben. Er hat die 50 Jahre kaum überschritten, als sich in ihm die Gewissheit des nahen Lebensendes offenbart.
In Ósmann machte sich eine Schwere breit, nahm zu und drohte ihn zu erdrücken.
Meine persönlichen Leseeindrücke zu Ósmann
Joachim B. Schmidt ist nicht gerade für seine gefällige Art bekannt, er mag es oft kantig und fordernd. Und so dauert es hier ein Weilchen, bis ich tatsächlich neben Ósmann auf der Fähre stehe und in sein Torfhaus Emanuel einkehre. Etwas lange muss ich zwischen einzelnen Szenenbilder hin und her hetzen und nur manchmal verweile ich kurz in einigen Episoden. Damit habe ich nicht gerechnet. Ich gebe zu, ich habe mir etwas ähnliches wie den Tell vorgestellt. Doch dieser Roman ist anders, und auch mit „Kalmann“ nicht zu vergleichen.
Das Leben auf Island ist entbehrungsreich und die Kultur ähnelt weitläufig der grönländischen. Dazu fällt mir immer wieder Erzähltes aus “Hundert Wörter für Schnee“ von Franzobel ein, denn so gänzlich anders waren die beiden Völkchen wohl nicht.
Doch zurück zu Ósmann. Seine ungewöhnliche Erscheinung löst Respekt und Ehrfurcht aus, seine Attraktivität strahlt Sicherheit und Geborgenheit aus. Wie ist es möglich, dass er so ein schreckliches Pfand für eine unerklärliche Schuld begleichen muss? Mein Hüne mit der enormen Kraft ist umgeben von einer dunklen Aura, die mit Macht auf seine Seele drückt und ihn mit Schmerz überschüttet. Viel zu oft hat er mitansehen müssen, wie die Bezirkwasser ihren Tribut forderten, zu oft musste er einen Sohn begraben. Schlussendlich ist es der Tod seines Freundes Hallur, der in ihm etwas zerbrechen lässt, das schon lange Risse bekommen hatte.
Ist er glücklich? Nach all den Schicksalsschlägen?
Ósmann ist ein Mann mit enormer Stärke und einer Gastfreundschaft, der weitum bekannt ist und der ihn zu einem wichtigen Bezugsmenschen für die Bevölkerung gemacht hat. Gegen Ende des Romans wird nochmals seine Bedeutung deutlich, denn er war nicht nur ein Hüne, der kaum in den Torfhäusern aufrecht stehen konnte, ein Robbenjäger, Poet und Lebemann, er war vor allem der Fährmann, der dafür sorgte, dass dem Sterben im Ós Einhalt geboten wurde.
Und obwohl er so viel Gutes vollbringt, meint es das Leben nicht gut mit ihm. Schwere Schicksalsschläge und mit knapp über 50 der körperliche Verfall zwingen ihn in die Knie und er trifft die schlimmste Entscheidung, die ein Mensch treffen kann. Der Hüne mit dem zarten Herz kann nicht mehr.
Das Romanende trifft mich unvorbereitet, es lässt mich kurz innehalten, denn ich muss die Wendungen erst mal einstecken. Joachim B. Schmidt zeigt mir einmal mehr, was er draufhat. Chapeau!
Fazit
Ósmann, ein nach einem wahren Leben nachempfundener Roman, erzählt von Jón Magnússon, der im hohen Norden Islands um die Jahrhundertwende als Fährmann Ósmann weit über seinen Bezirk bekannt ist. Der Roman ist die Geschichte eines Mannes, der an Natur, Elfen und Geistern glaubt und nach schweren Schicksalsschlägen in den Fluten, die er über vierzig Jahre mit seiner Seilfähre sicher überquert hat, seinen Frieden sucht.

…, denn ich weiß, dass die Realität keine Rücksicht auf die Gefühle der Menschen nimmt, sie und das Schicksal haben sich schon längst in Stellung gebracht, warten nur noch auf ihr Zeichen.
Der Autor
Joachim B. Schmidt, geboren 1981 in Graubünden, aufgewachsen als Bauernsohn am Heinzenberg, lebt und arbeitet seit 2007 auf der Vulkaninsel Island. Seine Romane ›Tell‹ und ›Kalmann‹ waren Bestseller; mit ›Kalmann‹ erreichte er den 3. Platz beim Schweizer Krimipreis und erhielt den Crime Cologne Award. ›Tell‹ war auf Platz 1 der Schweizer Bestsellerliste und erhielt den Bündner Literaturpreis. Der Doppelbürger lebt mit seiner Frau und zwei gemeinsamen Kindern in Reykjavík.
Mehr zum Autor finden Sie auf seiner Website.
Foto: Eva Schram/ © Diogenes Verlag
Bibliographische Daten (Stand April 2025 – Diogenes Verlag)
- TITEL: Ósmann
- AUTOR: Joachim B. Schmidt
- GENRE: Roman
- VERLAG: Diogenes Verlag
- UMFANG:
- ERSCHEINUNGSDATUM:
- ISBN-13: 978 3 2570 7330 0
Von Joachim B. Schmidt finden Sie in meinem Blog Buchbesprechungen zu den ersten beiden Kalmann-Bändern Kalmann und Kalmann und der schlafende Berg sowie zu Tell, eine grandiose Neuinszenierung rund um den Schweizer Urmythos Wilhelm Tell .



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