Autor: Nagib Machfus
Aus dem Arabischen von Doris Kilias
Der Nobelpreis 1988 für Nagib Machfus galt vor allem seiner Kairoer Trilogie, dessen zweiten Band „Palast der Sehnsucht“ ich hier vorstelle. Die Trilogie ist das Hauptwerk des Autors und ein Meilenstein der modernen arabischen Literatur. Sie entstand in den Jahren 1946–1952, erschien aber erst 1956–1957. Machfus behandelt darin das Leben einer Kairoer Familie über mehrere Generationen (1917–1944). Die arabische Originalausgabe dieses 2. Teils erschien 1957 in Kairo.
Buchbeschreibung kurz & knapp zusammengefasst
Die Familie des Patriarchen Achmed Abd al-Gawwad ist durch den Tod des geliebten Sohnes Fathmi stark getroffen. Vieles hat sich verändert und besonders Kamal, der jüngste Sohn, erfährt die Härten und Hürden des Erwachsenwerden. Jasin, der älteste Sohn aus erster Ehe, hingegen, versinkt in seiner krankhaften Sexsucht und benötigt mehr als einmal die schützende Hand seines Vaters, der ihn zwar verflucht, aber mehr als alle anderen liebt.
Ich habe vielleicht nur unbewusst wiederholt, was alle sagen, denn die Leute, …., lassen sich nun mal vom Glanz der Macht und des persönlichen Einflusses blenden.
Meine persönlichen Leseeindrücke Zu „Palast der Sehnsucht“
Der 2. Band der Kairoer Trilogie „Palast der Sehnsucht“ ist anders. Der Fokus verschiebt sich vom Vater zu den beiden sehr unterschiedlichen Söhnen Kamal und Jasin und besonders auf Kamal konzentrieren sich die größten Buchabschnitte.
Kamal erfährt die Schmerzen der ersten großen Liebe, ausgesetzt nicht nur dem Spott der Angebeteten, sondern auch der Falschheit des Bräutigams, der sich einst als sein Freund ausgab.
Da waren nicht nur Geringschätzung und Spott gewesen, nein, auch Härte. Ja, sogar Grausamkeit, denn sie hatte sich gnadenlos über ihn lustig gemacht, war mit ihren Späßchen über ihn hergefallen wie ein Zeichner, der seine Feder nur dazu benutzt, aus einem Menschen eine Karikatur zu machen, einzigartig in ihrer Hässlichkeit wie in ihrer Wahrheit.
Doch die großartige Charakterskizzierung bis ins kleinste Detail ermüdet mich ab und an, wenngleich die schriftstellerische Virtuosität seinesgleichen sucht. Fast schon übertrieben schwulstig lese ich über Kamals Gemütszustand, der meine Lesefreude manchmal arg herausfordert.
Als Kontrast zu Kamals Leiden gleicht Jasins Leben einer Achterbahn der Sexgelüste, deren er sich bewusst wird. Seine Handlungen, bei denen seine Vernunft vollständig aussetzt, bringt Unruhe in das Familienleben und auch wenn er aktiv daran nicht mehr teilnimmt, werfen seine Aktivitäten Schatten auf den guten Ruf seines Vaters.
Was den Patriarchen Achmed Abd al-Gawaad anbetrifft, so war seine Gestalt etwas Gewaltiges, ein Wesen auf einem Thron, über alle Kritik erhaben. Sein maßloser Lebensstil, der zwar nach dem Tod seines Sohnes eine kurze Unterbrechung erfährt, bringt ihn nicht nur in eine schwierige Lage, sondern fordert seinen Tribut. Doch damit nicht genug, denn die Tragödie bricht über die Familie herein.
Fazit
„Palast der Sehnsucht“ von Nagib Machfus ist der 2. Band der Kairoer Trilogie und ein Meisterstück an Erzählkunst der modernen arabischen Literatur. Wenngleich die detailreiche Charakterisierung Kamals, der zum Manne reift, stellenweise übertrieben schwulstig ist, sehe ich dennoch das Großartige im Rahmen einer Familiensaga.

Nun ja, die Wahrheit mochte grausam sein, aber die Lüge war von Grund auf hässlich.
Der Autor
Als siebtes und jüngstes Kind wurde Nagib Machfus am 11. Dezember 1911 in Kairo geboren. Es war kein Widerspruch, dass der junge Machfus streng religiös erzogen wurde, seine Mutter ihn jedoch täglich in öffentliche Bibliotheken schickte, wo er sich von Schriftstellern wie Proust, Kafka und Joyce beeindrucken ließ. Nach dem Philosophiestudium entschied er sich dazu, Schriftsteller zu werden.
Wegen seiner Unterstützung des Friedensprozesses mit Israel wurde Machfus zum Ziel scharfer Kritik aus fundamentalistischen und arabisch-nationalistischen Kreisen. Obwohl unter Polizeischutz wurde er 1994 von zwei islamistischen Attentätern unweit seines Hauses in Kairo angegriffen und überlebte schwerverletzt. Doch auch diese Tat konnte ihn nicht hindern nach wie vor gegen die Ideen eines fundamentalistischen Islam sowie für eine Trennung von Staat und Religion und für eine säkulare, demokratische Gesellschaftsordnung einzutreten.
Machfus gehört zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart und gilt als der eigentliche »Vater des ägyptischen Romans«. Sein Lebenswerk umfasst mehr als vierzig Romane, Kurzgeschichten und Novellen. 1988 erhielt er als bisher einziger arabischer Autor den Nobelpreis für Literatur. Er starb 2006 im Alter von 94 Jahren in Kairo.
Die Übersetzerin
Doris Kilias, geboren 1942 inmitten der Masurischen Seenplatte, also im heutigen Polen, kam als Flüchtlingskind nach Deutschland. Nach dem Abitur studierte sie Arabistik und Romanistik an der Humboldt-Universität in Berlin und arbeitete sanschließend als Redakteurin beim arabischen Programm des Rundfunks Berlin (DDR). Nach einem Aufenthalt in Kairo folgten 1974 die Promotion über ägyptische Kurzprosa und 1984 die Habilitation über algerische arabofone Literatur. Doris Kilias war danach als freie Übersetzerin in Berlin tätig. 1999 wurde sie mit dem Jane-Scatcherd-Preis der Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Stiftung ausgezeichnet.
Sie starb 2008 in Berlin.
Die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck erinnert sich an ihre verstorbene Mutter mit einem liebevollen Nachwort, das Sie hier nachlesen können.
Bibliographische Daten (Stand Oktober 2023 – Unionsverlag)
- TITEL: Palast der Sehnsucht
- AUTOR: Nagib Machfus
- ÜBERSETZERIN: Doris Kilias
- GENRE: Roman
- VERLAG: Unionsverlag Zürich
- UMFANG: 627 Seiten
- ERSCHEINUNGSDATUM der Taschenbuchausgabe: 26. September 2016
- ISBN-13: 978 3 2932 0750 9
Meine Buchbesprechung zum 1. Band der Kairoer Triolgie „Zwischen den Palästen„.



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