Autorin: Annett Gröschner
Buchbesprechung kurz & knapp zusammengefasst
Der Roman beginnt mit einem Paukenschlag! Gleich auf der ersten Romanseite steht eine Zusammenfassung, die eigentlich den Inhalt schon vorwegnimmt, und was über Hanna Krause zu erzählen sein wird. Und so frage ich mich etwas erstaunt, was mich in den nächsten 280 Seiten erwarten wird.
Dies ist die Geschichte der Blumenbinderin und Kranfahrerin Hanna Krause, die zwei Revolutionen, zwei Diktaturen, einen Aufstand, zwei Weltkriege und zwei Niederlagen, zwei Demokratien, den Kaiser und andere Führer, gute und schlechte Zeiten erlebt hat, die bis auf ein paar Monate im Berlin der frühen 1930er Jahre nie aus Magdeburg herauskam, sechs Kinder geboren hat und zwei davon nicht begraben konnte, was ihr naheging bis zum Lebensende.
Meine persönlichen Leseeindrücke zu “Schwebende Lasten”
Hanna Krause steht stellvertretend für eine Generation von Frauen, die zwischen den Weltkriegen geboren wurden und die mit den schweren Lasten der Grausamkeiten des vergangen Jahrhunderts fertigwerden und gleichzeitig den Grundstein für die kommenden Generationen legen mussten, in der Hoffnung, dass nie wieder ein Krieg die Existenz bedrohen würde.
Hannas Leben wir chronologisch erzählt und ich begleite ich sie vom Kleinkind zur alten Frau, erlebe ihre wenigen Höhen und große Tiefen und bin sehr angetan von der Zuneigung, die ich für sie schon ab der ersten Seite empfinde. Dabei versteht es Annett Gröschner mit ihrer Erzählsprache eine längst vergangene Zeit wieder aufleben zu lassen, die ich zwar aus Geschichtsbüchern kenne aber die mir menschlich durch Erinnerungen meiner Großmutter und mehr noch durch meinen Stiefvater, der 1914 in Naumburg an der Saale geboren wurde, verständlich wurde.
Wir haben nicht mehr viele Menschen, die uns persönlich von ihrem Leben erzählen können und dabei ein Zeitfenster von den 1930ger Jahren bis in die 2000er umfassen könnten. Umso wichtiger sind lebendig niedergeschriebene Schicksale, die uns das wirkliche Leben der Arbeiter und kleinen Leute zeigen, schildern wie es damals war und wie wir es heute nicht nur nicht kennen sondern hoffentlich nie kennenlernen müssen. Dabei ist der Titel “Schwebende Lasten” wohl gewählt. Es sind nicht die offensichtlichen Lasten, die die Kranführerin Hanna Krause durch die Lüfte manövriert, sondern die vielen Schicksale, die zentnerschwer auf ihrer Seelen lasten und dennoch, damit sie am Leben nicht zerbricht, in ihrem Inneren schweben.
Dazu schreibt Marius Müller in seinem Blog Buchhaltung:
Mit ihrem Roman gelingt Annett Gröschner das Kunststück, dass sich ein fiktives und schicksalsschlagreiches Leben völlig glaubwürdig und schon fast universal anfühlt. Das, was man mit dem schwammigen Schlagwort der „Würdigung von Lebensleistung“ vor allem in Bezug auf das Spannungsverhältnis von Ost- zu Westdeutschland immer wieder diskutiert, es erhält hier eine (zumindest von mir) selten gelesene Prägnanz und Anschaulichkeit.
Ihr gelingt es, literarische Verständigungsarbeit zwischen Generationen und Landesteilen zu schaffen.
Zu erzählen, wie es damals war, ohne Kitsch und Pathos, dafür aber auf der Bodenständigkeit, die die Umstände verlangten, damit man selbst und die Familie sicher durchkommt, das ist Annett Gröschner großartig gelungen. Ihre Protagonistin Hanna Krause ist mittendrin im Geschehen, um für den Zusammenhalt ihrer Familie zu kämpfen. Sie steht ihren Mann, denn auf ihren Mann konnte sie nicht zählen, blieb ihrer Stadt Magdeburg treu und konnte nach vielen Jahrzehnten der Entbehrungen und Verzichte wieder in dem Beruf arbeiten, den sie als junges Mädchen gelernt und geliebt hatte.
Es hat mir sehr gefallen, wie das Thema Blumen durch das gesamte Buch führt. Jedem Kapitel ist eine bestimmte Blume gewidmet und die kleine Botaniklehre stellt immer wieder die Verbindung zu Hannas glücklicher Zeit her. Das ist die große Tragik dieser Generation, die auf Träume, Selbstverwirklichung, Frieden, Freiheit verzichten musste. In einer Zeit, die von Grausamkeit nur so trieft, behält Hanna jene Menschlichkeit, die sie so besonders macht.
Fazit
Der Roman „Schwebende Lasten“ von Annett Gröschner ist ein Zeitzeugnis einer Generation, die unendlich viel entbehren musste, um in einer Zeit größter Grausamkeit zu überleben und nach dessen Ende die Weichen für die kommende Generation zu stellen. Hanna Krause steht dabei stellvertretend für Millionen von Frauen, die sich aufgeopfert haben für ihre Familien und die Nachkriegsgesellschaft, die wiederaufgebaut haben, ihre Träume und Wünsche hintenanstellend. Ihnen gehört mein größter Respekt.

Die Autorin
Annett Gröschner ist eine vielseitige Künstlerin. Informationen über die Autorin finden Sie in ihrer Website.
@ Susanne Schleyer
Bibliographische Daten (Stand April 2025 – C.H.Beck)
- TITEL: Schwebende Lasten
- AUTORIN: Annett Gröschner
- GENRE: Roman
- VERLAG: C.H. Beck
- UMFANG:280 Seiten
- ERSCHEINUNGSDATUM: 07.04.2025
- ISBN-13: 978 3 4068 2973 4
Kriegsliteratur aus der Perspektive der Frauen in meinem Blog:



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