Autorin: Helene Hegemann
Buchbesprechung kurz & knapp zusammengefasst
„Kennst du Striker“?“
Nein, N kennt Striker nicht, aber die gesprühten Zeichen auf der Brandmauer, die sie von ihrer Wohnung aus sieht, und die von Striker sein sollen, machen sie neugierig.
N ist keine dreißig. Ihr Leben verläuft problematisch, sie wirkt ausgepowert und abgekämpft. Ihre Arbeit in der Ostberliner Sportschule bei Jürgen, in der sie als Kampfsportlerin Berlins besser gestellten Männer und Frauen Selbstverteidigung beibringt, gibt ihr wenig außer das Gefühl, körperlich gerade kaputt zu sein. Und das, obwohl sie sich auf ihren nächsten Käfigkampf mit der Irin Ronda vorbereitet.
…sie ist nicht angstfrei, sie ist nicht mutig, sie ist auch kein Ausnahmetalent, ihr Körper ist für diesen Sport genauso gut oder schlecht geeignet, wie er es für jeden anderen Sport gewesen wäre, kurz, da gibt es nicht die geringste angeborene Begabung, alles, was sie hat, ist eine unendlich große Angst, die sie auf Überlebensstrategien kommen lässt, auf die jemand, der entspannter ist als sie, halt nicht kommt.
Von ihrer Wohnung, die in einem Berliner Problemviertel liegt, fährt sie mit der Berliner S-Bahn ohne umzusteigen ins Villenviertel, in dem die Politikerin aus dem Verteidigungsausschuss wohnt, mit der sie seit einiger Zeit eine Affäre hat. Die Gegensätze könnten nicht größer sein und mittendrin tritt Ivy in ihr Leben und bringt Panik in den eh schon recht unruhigen Alltag.
Es ist November, als die Geschichte beginnt, in der N an ihre psychischen und physischen Grenzen geht, bis sie endlich die Angst vor dem Leben ablegt und die Schwäche, die sie am Leben hindert, überwindet.
Meine persönlichen Leseeindrücke zu “Striker”
„Striker“ ist rasant anders! Große gesellschaftliche Themen zu Klassenunterschied, Reichtum und Armut, Stärke und Schwäche werden an der Protagonistin N abgearbeitet, und das schonungslos und roh, um zum Schluss, am Ende des Romans zur Erkenntnis zu gelangen:
Dass all die zivilisatorischen Anstrengungen nicht mal dazu führen, dass sich die Haltung eines Menschen, der alles besitzt, von der Haltung eines Menschen unterscheidet, der nichts besitzt.
N steht kurz vor einem Kollaps, weil sie psychisch, physisch und gesellschaftlich überfordert ist. Die Situation ist schwierig, sie hat kaum Geld, ist vollkommen ausgepowert und soll sich in diesen Zustand auf einen Käfigkampf mit der Irin Ronda vorbereiten, die sich zu einer Tötungsmaschine verwandelt. Das sind nicht die besten Voraussetzungen und gerade am Abgrund ihrer Existenz stehend, hat sie nur noch eine kleine Chance, die Kurve zu kriegen. Ihre Affäre, die Politikerin, ist keine Hilfe. Ganz im Gegenteil! Sie ist der Typ Hella Renata Karl von Strubels Der Einfluss der Fasane, den ich kurz vorher gelesen habe und der für das Verständnis der Romanfigur Politikerin wichtig ist.
Sie hält N nicht unbedingt für dumm, auch nicht für ungebildet. Sie hält sie auch nicht für schlau. Es ist eher so, dass sie sich nicht dafür interessiert, ob sie dumm oder schlau ist. Hauptsache, sie ist ab und zu da. Nein, falsch. Es ist schön, dass sie ab und zu da ist, aber die Hauptsache ist, dass sie irgendwann wieder geht.
Diese Beziehung einschätzen zu können, hilft mir, Ns persönliches Drama zu erkennen. Schnell fange ich an zu hoffen, dass sie einen Ausweg aus dem Tunnel der Angst findet, doch Ivy versperrt vorerst den Zugang dazu. Und das tut weh, es schmerzt schon fast körperlich Ns Hilflosigkeit mitanzusehen.
Und beim ins Nichts gerichteten Blick am Kopf der Politikerin vorbei realisiert sie plötzlich, in stechender Schärfe, dass das Leben selten so roh und ungeschützt vor ihr lag.
Ivy ist die dritte weibliche Romanfigur, und N sieht sich in ihr wieder, am Abgrund stehend ohne Rückkehrticket in die heile Welt. Bis N dies erkennt, ihre Erschrockenheit darüber, macht mich doch sehr betroffen. Ihre erste Reaktion ist vor der Angst wegzulaufen. Wer würde das denn auch nicht! Doch dann sucht sie Zuflucht im Kampfsport, verausgabt sich vollends, bis sie endlich soweit ist sich ihrem Problem zu stellen. Sie fängt an zurückzuschlagen und sich zu wehren.
Weil sie das Schreien versteht, den Wahnsinn, die Dämonen. Den Impuls, die Stirn auf die angezogenen Knie zu legen und alle über sich zusammenbrechen zu lassen.
192 Seiten lang und in einem durchgehenden Kapitel rast die Geschichte mit ungeheurer Wucht durch das Buch. Der Umfang ist gut gewählt, denn energisch kommt das Buch zum Ende und ich brauche jetzt Zeit um mit Ns Geschichte fertig zu werden.
Fazit
Der Roman „Striker“ von Helene Hegemann ist nichts für feine Seelen, die sich vor gesellschaftlichen Randfiguren fürchten. Schonungslos und hart, in einem rasanten Tempo erzählt sie von N und den vielen Schlägen, die das Leben für sie bereithält, bis sie sich in ein lebenswertes Dasein zurückkämpft.

Es sind die netten, normalen Menschen, die sich als Monster erweisen.
Die Autorin
Helene Hegemann, 1992 geboren, lebt in Berlin. 2008 gewann sie mit ihrem ersten Film »Torpedo« den Max-Ophüls-Preis. 2010 debütierte sie als Autorin mit dem Roman »Axolotl Roadkill«, der in 20 Sprachen übersetzt wurde. Die Verfilmung, bei der sie selbst Regie führte, wurde beim Sundance Festival 2017 mit dem World Cinema Dramatic Special Jury Award for Cinematography ausgezeichnet. 2013 veröffentlichte sie ihren zweiten Roman »Jage zwei Tiger«, 2018 folgte »Bungalow«, für den sie für den Deutschen Buchpreis nominiert war. 2021 schrieb sie in der KiWi Musikbibliothek über Patti Smith und Christoph Schlingensief, 2022 erschien ihr Kurzgeschichtenband »Schlachtensee«. Sie inszeniert für Oper, Theater und Film. Quelle: Kiepenheuer&Witsch
© Joachim Gern
Bibliographische Daten (Stand April 2025 – Kiepenheuer&Witsch)
- TITEL: Striker
- AUTORIN: Helene Hegemann
- GENRE: Roman
- VERLAG: Kiepenheuer&Witsch
- UMFANG:192 Seiten
- ERSCHEINUNGSDATUM: 13.03.2025
- ISBN-13: 978 3 4620 0595 0



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