Autorin: Gaea Schoeters
Aus dem Niederländischen von Lisa Mensing
Buchbeschreibung kurz & knapp zusammengefasst
John Hunter White kennt sich mit der Jagd auf Großwild aus. Schon sein Großvater hatte in Afrika Nashörner im Auftrag der Regierung gejagt und, als sein Vater von einer Bärenjagd nicht mehr zurückgekommen ist, seine Jagderziehung übernommen. Heute führt Hunter ein erfolgreiches Unternehmen und frönt seiner Leidenschaft, Großwild in Afrika zu schießen. In seiner Trophäensammlung fehlt nur der Big Five – das Nashorn, eines der mächtigsten Tiere auf der Erde. Sein Freund und afrikanischer Mittelsmann van Heeren hat ihm die Lizenz für diese Jagd besorgt und nun konzentriert er sich auf diese einmalige Chance, seiner Ehefrau die versprochene Trophäe als Geschenk mitzubringen.
Das ist hier keine gewöhnliche Safari. Nicht unbedingt wegen der Beute, sondern vor allem wegen des ganzen Theaters um die Jagdlizenz.
Als Wilderer ihm seine Beute wegschnappen und das Scheitern nicht wiedergutzumachen scheint, bietet ihm van Heeren die sechste, die seltenste und die gefährlichste Trophäe an.
Meine persönlichen Leseeindrücke zu „Trophäe“
John Hunter White verkörpert den Inbegriff des weißen Jägers, der im afrikanischen Busch mit seinen Dollars unter Artenschutz stehende Tiere schießt. Er spielt die Rolle des westlichen Protz, und viele reagieren mit Ablehnung. Ich jedoch bin fasziniert von dem psychologisch höchst differenzierten Bild des Protagonisten. Seine Jagdethik ist für mich nachvollziehbar, vielleicht weil ich selbst keine Ablehnung gegen die Jagd hege, wenn die Randbedingungen stimmen.
Die Jagd ist ein physischer Kampf zwischen Mensch und Tier, der so ausgeglichen wie möglich sein muss, eine Zermürbungsschlacht, die sowohl vom Jäger als auch vom Wild absolutes Durchhaltevermögen erfordert, bis es dem Jäger gelingt, die Beute aus der Nähe mit einem einzigen, gut gezielten Schuss zu erlegen.
Vollkommen unvorbereitet treffen Hunter und van Heeren auf die afrikanische Realität des Wilderns. Es scheint zum ersten Mal passiert zu sein, dass Hunter direkt von diesem gesetzeswidrigen Handeln betroffen ist. Tief sitzt die Wut und Verzweiflung über die verlorene Trophäe. Hunter ist verletzt und frustriert, und da er die Behörden bei der Aufklärung des Vorfalls unterstützt, darf er vorerst das Land nicht verlassen.
Damit beginnt der Roman „Trophäe“ und geschickt baut Gaea Schoeters ihre Erzählung auf. Am Anfang steht die Großwildjagd in Afrika, eine in unserer westlichen Welt hochsensible Thematik. In dieses Treiben verwickelt sie erste Nuancen einer Realität, die mir so nicht bekannt ist. Die Jagdethik der afrikanischen Stämme, so steht zu lesen, unterscheidet sich von Hunters vor allem durch die Ernährungsfrage. Die Jagd schützt das natürliche Gleichgewicht im Wildbestand, und es werden nur Tiere entnommen, die für den Erhalt der Population nicht mehr notwendig sind oder den Stämmen gefährlich werden. Jagen ist töten, auch wenn ein weißer Jäger tötet, das Tier ist nicht umsonst gestorben – denn nur die Trophäe verlässt den Kontinent.
In dieser Stimmung verändert Gaea Schoeters schleichend die Jäger-Beute Rolle. Sie leitet das teuflische Psychospiel van Heerens ein, der Hunters Gedanken erkennt, seinen Jagdinstinkt wahrnimmt und herausfordert und ihm den „Big six“ die sechste, die seltenste und die gefährlichste Beute anbietet.
Für einen Moment hatte Hunter den Jungen betrachtet, wie der Junge den Eland betrachtet hatte – als Beute. Für einen Moment hatte er keinen Menschen gesehen, sondern eine prachtvolle, begehrenswerte Trophäe.
Damit ändert die Autorin den Fokus der Geschichte – es braucht eine Weile, bis ich es verstehe – und tischt in perfider Brillanz eine afrikanische Gesellschaft auf, in der ein Menschenleben keinen Wert hat, ein Leben, bei dem es ums Überleben der Gemeinschaft geht und nicht um den Einzelnen. Diabolisch kentert sie damit mein Gehirn, durchbricht meine Barriere der westlichen Wertgefühle und ich akzeptiere Hunter, in Gedanken, mit Verstand aber ohne Jagdinstinkt.
Individualismus ist eine westliche Krankheit.
Wenngleich Hunter mit sich kämpft, was ihn nur noch menschlicher macht, mutiert er unbewusst zum Opfer. So stark sein Jagdinstinkt auch sein mag, im entscheidenden Moment übernimmt der Verstand und sein anerzogenes ziviles Pflichtbewusstsein entscheidet die Jagd.
Er hat Angst.
Fazit
„Trophäe“ von Gaea Schoeters ist ein Jahreslesehighlight. Die Autorin, die niemals afrikanischen Boden betreten hat, nimmt die Großwildjagd in Afrika als Vorwand, um ein Leben zu präsentieren, das in keinem Punkt mit westlicher Denkweise gefühlt oder verstanden werden kann. Hunter als überlegener Weißer wird zum Spielball der afrikanischen Mächte.

Das hier, begreift er, ist das, wonach er immer so sehr verlangt hat: das echte, wilde Afrika. In all seiner Schönheit und all seiner Grausamkeit.
Die Autorin
Gaea Schoeters, geboren 1976, ist eine flämische Autorin, Journalistin, Librettistin und Drehbuchautorin. 2012 hat sie den Großen Preis Jan Wauters für ihren kreativen Umgang mit Sprache gewonnen. Für Trophäe wurde sie mit dem Literaturpreis Sabam for Culture ausgezeichnet. Der Roman wurde von der niederländischen Presse sehr positiv besprochen. 2024 ist ihr Roman Trophäe, aus dem Niederländischen von Lisa Mensing, bei Zsolnay erschienen.
Weitere Informationen über Gaea Schoeters finden Sie auf der Website der Autorin.

Die Übersetzerin
Lisa Mensing lebt in Münster und arbeitet dort als Literaturübersetzerin und Literaturwissenschaftlerin. In Utrecht und Münster hat sie Interdisziplinäre Niederlandistik und Literarisches Übersetzen studiert und ihr Studium mit einem Master of Arts abgeschlossen. Sie übersetzt Prosa, Theaterstücke, Kinder- und Jugendliteratur und Poesie aus dem Niederländischen, schreibt Gutachten für verschiedene Verlage und wurde 2018 von der Dutch Foundation for Literature und Flanders Literature als Übersetzerin akkreditiert. Seit 2021 ist sie Mitglied im Verband deutscher Übersetzer:innen (VdÜ).
Weitere Informationen über Lisa Mensing finden Sie auf der Website der Übersetzerin.
Bibliographische Daten (Stand Juni 2024 – Zsolnay Verlag)
- TITEL: Trophäe
- AUTORIN: Gaea Schoeters
- ÜBERSETZUNG: Lisa Mensing
- GENRE: Roman
- VERLAG: Paul Zsolnay Verlag
- UMFANG: 256 Seiten
- ERSCHEINUNGSDATUM: 18. Februar 2024
- ISBN-13: 978 3 5520 7388 3
Weitere Bücher der Autorin in meinem Blog:



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