Autor: Jon Fosse
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Buchbesprechung kurz & knapp zusammengefasst
Vaim, eine Kleinstadt an Norwegens Westküste, ist die Heimatstadt von Jatgeir. Von dort aus unternimmt er regelmäßig mit seiner Schnigge Eline die kurze Seefahrt über den Fjord in die Großstadt Bjorgwin um Besorgungen und andere Besuche zu machen. So auch dieses Mal, als er zum Annähen von Knöpfen Zwirn und Nadel braucht. Der Kauf jedoch wird in der wenig freundlichen Stadt zur Posse und Jatgeir verlässt diese daraufhin fluchtartig. Kurzentschlossen entscheidet er auf dem Rückweg auf einer kleinen Insel Halt zu machen und nochmals sein Handelsglück zu versuchen. Aber auch in Sund entpuppt sich das Kaufgeschäft als Reinfall. Enttäuscht zieht er sich auf seine Schnigge zurück. Sie trägt den Namen seiner heimlichen Jugendliebe, die hier im Ort verheiratet sein soll, die er aber, seitdem sie vor vielen Jahren Vaim verlassen hatte, nicht mehr wiedersah. Doch plötzlich steht sie vor ihm und will mit ihm in ihre Heimatstadt zurück.
„… denn wenn Eline sich etwas vorgenommen hat, ja da kann man sich nur fügen, …“
Meine persönlichen Leseeindrücke zu „Vaim“
Vaim ist ein imaginärer Küstenort in Norwegen und Mittelpunkt des Romans, der von einer ungewöhnlichen Beziehung der Männer Jatgeir, Elias und Olav zu Eline handelt. Jedem der drei Männer wird ein Teil gewidmet, in dem sie über ihr Leben sinnieren und über ihre Beziehung zu Eline erzählen dürfen.
Den Anfang macht Jatgeir, der für eine alltägliche Besorgung in die Großstadt fährt und dort übers Ohr gehauen wird. So fängt der Roman an und Donnerwetter, solch lange Sätze sind mir bis jetzt noch nicht untergekommen.
Es kommt recht schnell, ein leichtes Unbehagen während des Lesens, das ich nicht benennen kann, und das ich mit Worten nicht auszudrücken vermag. Der Text rührt etwas in mir, doch es ist nicht Traurigkeit und auch nicht Schwermut, aber so etwas in diese Richtung, eigentlich nichts Ungutes, aber auch nichts positiv Stimmendes oder heiter Komisches. Es weckt in mir ein Gefühl, das ich mit Einsamkeit oder sozialer Isolation assoziiere und mit einem Leben in dünn besiedelten Gegenden in Nordeuropa oder jedenfalls das, was man gemeinhin damit meint, in Verbindung bringe.
Jatgeir ist ein Mann der Gewohnheiten und der Stille, der eine hartnäckige Zuneigung zu seiner Schnigge namens Eline hegt. Er ist ein Mann, der nicht nur jede Besonderheit seines Bootes kennt, sondern mit dem Gefährt emotional verbunden ist: Eline ist nicht nur ein Name, sondern die Erinnerung an die erste Liebe, ein Stück Leben, das schwimmt und oft mehr sagt als Menschen. Sie kommt vollkommen unerwartet in sein Leben zurück und bringt dadurch nicht nur sein Dasein durcheinander.
Und während ich mit Teil 1 Jatgeir als Erzähler verabschiede, kommt mit dem 2. Teil sein Freund Elias zu Wort. Ein Perspektivwechsel, der mich doch kurz aus der Bahn wirft, weil viele Jahre seit Teil 1 ins Land gegangen sind. Elias, sein langjähriger Freund ist eine Grenzfigur zwischen zwei Momenten, ein stiller Zeuge, der als diskreter und oft ignorierter Schatten ein einsames Dasein fristet und sehnsüchtig an die gemeinsame Zeit mit Jatgeir zurückdenkt. Seit Eline da ist, scheint das Freundschaftsband zerbrochen. Sein Teil beginnt, als es an einem dunklen Tag im Winter an Elias Haustür klopf. Wie Fosse in knapp 20 Seiten ein Leben zusammenfassen vermag, geht nicht spurlos an mir vorbei. Seine Erzählung besteht aus einer Sprache, die sich auflöst in dem Versuch, dem Unverständlichen einen Sinn zu geben. Diese Intensität sich der menschlichen Seele anzunähern, so etwas habe ich nur in Hunger von Knut Hamsun gelesen.
Leb wohl Jatgeir, sage ich
Danke für die Gesellschaft, sage ich
Doch dann wirft mich Vosse nochmals aus der Lesespur, als mit Teil 3 die letzte männliche Romanfigur zu Wort kommt. Frank (den Eline in Olav umbenennt) ist derjenige, der nach dem Sturm zurückbleibt, der Mann, der zu verstehen versucht, was sich wirklich zugetragen hat. Sein ruhigerer und nachdenklicherer Erzählteil schließt den Kreis, und lässt gleichzeitig ein Ende offen.
Und Eline? Ihr Auftreten bestimmt in allen Teilen das Leben des jeweiligen Erzählers und bildet das verbindende Glied zwischen den einzelnen Lebensgeschichten. Mehr scheint Fosse ihr nicht geben zu wollen, mehr will ich in dieser Romanfigur deshalb auch nicht suchen.
Fazit
In Vaim erzählen drei Männer jeweils in einem ihnen gewidmeten Teil mit fast theatralischen Formen über Erinnerungen und Gegenwart, über Vergangenes und neu Erlebtes. Dabei wird nichts vollständig ausgesprochen, sondern alles vibriert und wartet nur darauf erfasst zu werden. Es ist ein besonderes Buch; bedrückend und gleichzeitig eine intensive Leseerfahrung.
Und doch, wenn man darin eintaucht, dann findet man plötzlich dieses unsichtbare Licht, das zwischen den Zeilen aufscheint. Und das Unsagbare der menschlichen Existenz zwar nicht in Worte fassen kann, ihm aber etwas von seiner Dunkelheit nimmt. Tagesschau – Porträt Nobelpreisträger Fosse 05.10.2023

Der Autor
Jon Fosse, 1959 in der norwegischen Küstenstadt Haugesund geboren und am Hardangerfjord aufgewachsen, gilt als einer der bedeutendsten europäischen Schriftsteller unserer Zeit. 2023 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Internationale Bekanntheit erlangte Fosse zunächst als Dramatiker. Seine mehr als dreißig Theaterstücke werden weltweit aufgeführt und brachten ihm zahlreiche Preise ein. In deutscher Übersetzung erschienen zunächst die Romane „Melancholie„, „Morgen und Abend„ und „Das ist Alise„.
Für sein Prosawerk „Trilogie“ bekam er 2015 den Literaturpreis des Nordischen Rates verliehen, den renommiertesten Literaturpreis Skandinaviens. Mit „Der andere Name“, dem ersten Band seines Romanprojekts „Heptalogie“, war er 2020 für den International Booker Prize nominiert, mit dem letzten Band „Ein neuer Name“ stand er 2022 auf der Shortlist und wurde mit den wichtigsten norwegischen Literaturpreisen Brageprisen und Kritikerprisen ausgezeichnet. Seit 2011 genießt er lebenslanges Wohnrecht in der „Grotte“, einer Ehrenwohnung des norwegischen Königs am Osloer Schlosspark, und lebt mitunter auch in Hainburg an der Donau/Österreich oder in Frekhaug/Norwegen. Seit 2022 ist er Mitglied der Akademie der Künste in Berlin. Quelle Rowohlt
© Tom A.Kolstad / Det Norske Samlaget
Der Übersetzer
Hinrich Schmidt-Henkel wurde für seine Übersetzungen aus dem Norwegischen mehrfach ausgezeichnet; nun erhält er (Anm. 2025) den ersten Fosse-Preis für Übersetzer der norwegischen Regierung.
Schmidt-Henkel wurde 1959 in Westberlin geboren und kam mit 12 Jahren nach Saarbrücken. An der Universität des Saarlandes studierte er Deutsch und Französisch auf Lehramt. Schon im Studium zeichnete sich ab, dass Schmidt-Henkel nach dem Referendariat wohl keinen Job als Lehrer antreten würde. Die 1980er-Jahre waren eine Hochphase der Lehrerarbeitslosigkeit.
Heute lebt der Übersetzer wieder in Berlin und ist seit 1987 als literarischer Übersetzer v.a. aus dem Französischen und Norwegischen tätig. 1991-1993 war er Persönlicher Referent, dann Pressesprecher von Christina Weiss in deren erster Legislatur als Hamburger Kultursenatorin. 2008-2017 im Ehrenamt 1. Vorsitzender, bis 2021 Beisitzer im Vorstand des Verbandes der Literaturübersetzer VdÜ. Mitglied im Literarischen Colloquium Berlin, LCB. Chorsänger mit breitem Repertoire von Renaissance bis Moderne, v.a. Kammermusik.
Zu seinen beiden anderen Arbeitssprachen kam Schmidt-Henkel auch per Zufall: zum Italienischen, als er als Erzieher in einem Kindergarten in der Südschweiz jobbte, und zum Norwegischen, weil er sich in einen Austauschstudenten verliebte. Schon als Kind hatte Hinrich Schmidt-Henkel Dänisch gelernt, später an der Uni auch Schwedisch. Alles Skandinavische habe er dann aber auf Norwegisch umgemünzt. Eine Sprache, die Schmidt-Henkel nicht systematisch, sondern empirisch gelernt hat.
Das vollständige Portrait des Übersetzer können Sie hier nachlesen.
Bibliographische Daten (Stand Januar 2026 – Rowohlt)
- TITEL: Vaim
- AUTOR: Jon Fosse
- ÜBERSETZER: Hinrich Schmidt-Henkel
- GENRE: Roman
- VERLAG: Rowohlt
- UMFANG:
- ERSCHEINUNGSDATUM: 12.12.2025
- ISBN-13: 978 3 4980 0781 2
In meinem Blog finden Sie norwegische Literatur von Hamsun, Vesaas und Fosse:
- Hamsun Hunger
- Hamsun Victoria
- Hamsun Benoni
- Vesaas Der Keim
- Vesaas Frühlingsnacht
- Jon Fosse Morgen und Abend (Buchbesprechung erscheint demnächst)



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