Autorin: Anne Berest
Aus dem Französischen von Michaela Meßner und Amelie Thoma
Buchbesprechung kurz & knapp zusammengefasst
Mit Vatertage widmet sich die französische Autorin Anne Berest dem väterlichen, dem bretonischen Zweig ihrer Familie. Wie schon in Die Postkarte vermischt sich die private mit der »großen« Geschichte Frankreichs des letzten Jahrhunderts.
Meine persönlichen Leseeindrücke zu „Vatertage“
Nach zwei Büchern über die Familie ihrer Mutter folgt ein neues Kapitel, das sich mit der Geschichte des väterlichen Zweiges der Familie beschäftigt. Leider überzeugt mich Anne Berest dieses Mal nicht. Extrem kurze Kapitel verhindern einen emotionalen Zugang zu den oberflächlich dargestellten Figuren. Versuche, zusammenhängende Einblicke in das Leben des Vaters, des Groß- und Urgroßvater zu geben, misslingen gründlich. Das Einarbeiten politischer Vergangenheiten macht das Ganze auch nicht besser, im Gegenteil, es führt nur zu noch mehr Konfusion. Wer Frankreichs politische Geschichte des letzten Jahrhunderts nur in Grundzügen kennt, wird mit den Informationsfetzen wenig anfangen können, wenngleich sie für die Persönlichkeit der Vorfahren wichtig erscheinen.
So liest man von drei Leben, dargestellt in einzelnen schnell aufeinanderfolgenden und wahllos zusammengewürfelten Szenenbildern, mit dazwischen zu viel Leerraum an Leben und an Text. Der Buchumfang täuscht, es sind bei weitem keine 448 vollgeschriebenen Seiten.
Mehrmals verwirrt mich die Wortwahl und führt zu einem Missfallen, das ich mit Voranschreiten der Lektüre kaum mehr zurückhalten kann. Es mag an der Übersetzung liegen, dass ich mich manchmal vor den Kopf gestoßen fühle; jede Sprache hat ihre Eigenheiten und nicht immer gelingt es, Klang- und Wortspiele in eine andere Sprache zu übertragen. Da jedoch Michaela Meßner und Amelie Thomas renommierte Übersetzerinnen sind, möchte ich dies auszuschließen. Dennoch, auf einige Dissonanzen im Text reagiere ich stark, mit der Folge, dass meine Irritation nur stärker hervortritt.
Sehr gestört haben mich zudem die in der 1. Buchhälfte vermehrt vorkommenden Hinweise auf den Erfolgsroman „Die Postkarte“. Es liest sich wie billiges Marketing und, schlimmer noch, als wäre sich die Autorin durchaus bewusst, dass dieser Roman nicht an die Intensität des Vorgängers heranreichen würde. Sie selbst schreibt:
Mag sein, dass diese Furcht die Umsetzung behinderte, doch darauf kann ich als Leserin keine Rücksicht nehmen. „Vatertage“ kann leider nicht überzeugen: weder im Schreibstil noch in der Struktur.
Fazit
„Vatertage“ liest sich wie ein unausgegorenes Familienportrait, in dem die männlichen Romanfiguren oberflächlich, fahl und trüb dargestellt werden. Wenn man sich am Ende der Lektüre nochmals die Lebensgeschichten der Vorfahren durch den Kopf gehen lässt, wäre weit mehr drinnen gewesen. Anne Berest hätte daraus etwas Aufregendes und Großartiges entstehen lassen können.

Ich fürchtete mich ein wenig, für dieses Buch Gespräche mit meinem Vater zu führen. Ich war es nicht gewohnt, mit ihm allein zu sein. Seit Jahren hatten wir keinen vertrauten, zweisamen Moment mehr gehabt.
Die Autorin
Anne Berest wurde 1979 in Paris geboren. Sie arbeitete als Schauspielerin, Regisseurin und gab eine Theaterzeitschrift heraus, bevor sie 2010 ihren ersten Romanveröffentlichte, ›Traurig bin ich schon lange nicht mehr‹ . Es folgten ›Les Patriarches ( 2012), ein Buch über Francoise Sagan (2014) und ›Emilienne oder die Suche nach der perfekten Frau‹ (2015). Sie ist Co-Autorin des Bestsellers ›How to be a Parisian – Wherever you are. Liebe, Stil & Lässigkeit à la française‹, das in mehr als 35 Sprachen übersetzt wurde. 2017 schrieb sie gemeinsam mit ihrer Schwester Claire ein Buch über ihre Urgroßmutter: ›Ein Leben für die Avantgarde – Die Geschichte von Gabriële Buffet-Picabia‹.
Mit ›Die Postkarte‹ gelang Anne Berest ein literarischer Coup – das Buch war auf der Shortlist sämtlicher großer Literaturpreise in Frankreich und steht dort seit Erscheinen im September 2021 auf der Bestsellerliste. Quelle

Die Übersetzerinnen
Michaela Meßner ist freie Literaturübersetzerin. Informationen finden Sie auf ihrer Website.
Auch Amelie Thoma ist freie Literaturübersetzerin. Informationen finden Sie auf ihrer Website. Sie hat unter anderem übersetzt:
- Von dem der bleibt
- Die Postkarte
Bibliographische Daten (Stand Juli 2026 – Berlin Verlag)
- TITEL: Vatertage
- AUTORIN: Anne Berest
- ÜBERSETZUNG: Michaela Meßner und Amelie Thoma
- GENRE: Roman
- VERLAG: Berlin Verlag
- UMFANG: 448 Seiten
- ERSCHEINUNGSDATUM: 29. Mai 2026
- ISBN-13: 9783827015372



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