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Villa Sternbald

17 Oktober 2024

oder die Unschärfe der Jahre

Autorin: Monika Zeiner

Buchbeschreibung kurz & knapp zusammengefasst

Auf einer Anhöhe in Gründlach steht die Villa Sternbald, der Sitz der Unternehmerfamilie Finck. Erbaut hatte die stattliche Villa der Gründer der „Schulmöbelfabriken Finck“ Ferry Finck, der mit seiner Columba Schulbank 1897 auf der Erfindermesse in Paris die große Goldmedaille erhalten hat.

Zum 103. Geburtstag des Großvaters Henry kehrt Nikolas Fink in sein Elternhaus zurück. Aus einem Wochenende wird ein Jahr, in dem Nikolaus seine Familiengeschichte neu aufrollt. Eine Gelegenheit, die bewegte Vergangenheit der Familie, besonders die Fincksche Rolle während des Nationalsozialismus, zu erzählen ergibt sich, als Dr. Achaz beauftragt wird, für das bevorstehende 125jährigen Firmenjubiläum die Ausstellung zur Unternehmensgeschichte zu planen.

Wir gestalten den Wandel, wir übernehmen Verantwortung für die Vergangenheit und für die Zukunft.

Meine persönlichen Leseeindrücke zu „Villa Sternbald“

„Villa Sternbald“ ist eine voluminöse Geschichte über die aus Franken stammende Kaufmannfamilie Finck, die seit der Wilhelminischen Kaiserzeit Schulmöbel herstellt. Zeitlich umfasst der Roman weit gefasste Jahrzehnte und reicht bis 2014, in dem das 125jährige Bestehen gefeiert werden soll.

Im Zentrum der Familiensaga steht der phantasiebegabte Erzähler Nikolas Finck mit seinen verschwimmenden, keinesfalls chronologisch, sondern anekdotisch springenden Erinnerungen an seine Kindheit und Jugendzeit. Der heute 42jährige, mäßig erfolgreiche Drehbuchautor, gibt sich philosophisch, fast schon prüde elitär, und ist doch unfähig, die öffentliche und einem Unternehmersproß würdige Form zu waren. Hinter ihm liegt eine jahrzehntelange Abarbeitung an der eigenen Familie, die in seinem Suizidversuch endete. Schuld daran sucht er in der Rolle der Finckschen Familie während des Nationalsozialismus, die kein gutes Licht auf die nach außen hin gut bürgerliche Erfolgsfamilie wirft.

Anfangs finde ich den etwas verrückten Nikolas sympathisch und kann seiner Familiengeschichte einiges abgewinnen. Ich finde sie niveauvoll geschrieben. Wenngleich die philosophische-theologischen Dialoge, Abhandlungen und Traktate durchaus interessant sind, empfinde ich sie mit der Zeit sehr belehrend. Sie verlangsamen meinen Lesefluss, ziehen die eigentliche Romanhandlung, die Sicht auf die Unternehmerdynastie Finck, unnötig in die Länge. Eine um etliche Seiten kürzere Fassung hätten dem Roman besser gestanden.

Wir haben die Schulmöbel für die preußischen Kadettenschulen gebaut, dann haben wir Reformmöbel für die Weimarer Demokratie gebaut, dann haben wir die Schulmöbel für die Nazikinder und die Munitionskisten für den Vernichtungskrieg gebaut, und die Schreibtische für die Nazibeamten und die Holocaustplaner haben wir genauso gerne gebaut wie die Schreibtische für die Bonner Republik und die Chefetagen des Wirtschaftswunders, und auch den Bundestag in Berlin haben wir mit lupenrein demokratischen Büromöbeln ausgestattet, die sich an jeden vorstellbaren Zeitgeist anpassen können.

Nach 2/3 des Romans, der an die 650 Seiten füllt, fehlt mir der Kick, der meinen Lesewillen bei Laune hält. Nikolas Finck verlangt mir immer mehr ab. Dieser Zyniker, ewige Nörgler und Kritiker, für den ich am Anfang Verständnis aufbringen kann, verspielt sich mit seinem flegelhaften Auftreten meine Sympathie. Die einzelnen Erinnerungsbilder sind weiterhin wirklich schön und gut, doch nun zieht Langeweile ein und ich möchte auch endlich bei Nikolas Finck eine Wendung erleben.

„Ich bin der Spinner in der Familie, der Verrückte.“

Schlussendlich flüchtet er in seiner Lebensunfähigkeit in die Phantasiewelt des Spielens. Einzig sein liebevoller Neffe Johannes hat sich in meinem Herzen mit seiner kindlich reinen Seele einen Platz erobert.

Interessant ist Zeiners Entscheidung, vor allem männliche Romanfiguren in den Handlungen hervorzuheben, sie als tragende Säulen der Familiengeschichte einzubauen und bewusst die Unternehmensfrauen im Hintergrund zu halten und ihnen nur oberflächliche Rollen zuzuweisen.

Fazit

„Villa Sternbald“ erzählt eine Familiengeschichte über 5 Generationen, voller Unglück und Zweifel, wirtschaftlichem Erfolg, schwerer Vergangenheit und angepasster Wahrheit. 650 Seiten wollen gefüllt werden. Zeiner versucht mit einem gepflegten Schreibstil eine geschichtliche Aufarbeitung der Unternehmensgeschichte zu bieten, doch ziehen ihre philosophisch-theologischen Ausführungen, deren Zusammenhang mit der Familiengeschichte mir nicht immer begreiflich sind, das Buch unnütz in die Länge.

Es gibt nicht zwei Möglichkeiten, sondern immer unendlich viele Möglichkeiten und Wahrzeiten dazwischen.

Die Autorin

Monika Zeiner, Jahrgang 1971, studierte Romanistik und Theaterwissenschaft in Berlin und Neapel und promovierte über Liebesmelancholie im Mittelalter. Sie veröffentlichte Hörspiele und ist Sängerin und Texterin der Italo-Swing-Band „Marinafon“. Für ihren Debütroman „Die Ordnung der Sterne über Como“ wurde sie 2013 mit dem Silberschwein-Preis der lit. Cologne ausgezeichnet, für den Aspekte-Literaturpreis und den Deutschen Buchpreis (Shortlist) nominiert. Für die Arbeit an ihrem zweiten Roman „Villa Sternbald“, die sich über 10 Jahre erstreckte, erhielt sie mehrere Stipendien, u.a. vom Deutschen Literaturfonds und dem Berliner Senat. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Berlin.

 @ Milena Schlösser

Bibliographische Daten (Stand Oktober 2024 –dtv)
  • TITEL: Villa Sternbald oder die Unschärfe der Zeit
  • AUTORIN: Monika Zeiner
  • GENRE: Roman
  • VERLAG: dtv Verlagsgesellschaft
  • UMFANG: 672 Seiten
  • ERSCHEINUNGSDATUM:
  • ISBN-13: 978 3 4232 8424 0

Sie mögen deutsche Familienepen? Dann empfehle ich Ihnen Schönwald von Philipp Oehmke.

„Schönwald“ ist ein Familienepos und eine brillante Darstellung der aktuellen Gesellschaft, von Philipp Oehmke souverän und smart zu Papier gebracht. Die markanten Charakterisierungen der einzelnen Protagonisten in einem familiären Kontext, eine vermeintliche Nazivergangenheit des Großvaters, die sich in der Gegenwart wiederfindet und das von der Mutter aufgezwängt Familienkonzept des Verdrängens und Nichtaussprechens, gibt ein wenig schmeichelhaftes Bild der narzisstischen Jetzt-Zeit.

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Astrid

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