Autor: Saša Stanišić
Buchbeschreibung kurz & knapp zusammengefasst
Kemir soll die erste Ferienwoche in ein Ferienlager, mit fast allen aus seiner Klasse. Die Hochglanzbroschüre verspricht „Abenteuer Wald – Abenteuer Mensch“ mit Fotos von ein paar Hütten auf einer Waldlichtung. Mit von der Partie ist Jörg, der Außenseiter seiner Klasse, mit dem Kemir eine Hütte, und zwar die schönste von allen, teilen wird. Und mit dabei sind auch Marko und die Dreschkes Zwillinge, die Jörg schon in der Schule das Leben schwer machen.
Jörg ist wie alle eigen und wie alle anders, er wird aber von den anderen noch mal andersiger gemacht, verstehst du?
Gleich bei der Vorstellungsrunde im Camp meldet sich Kemir als erster zu Wort und erklärt seinen Standpunkt: er ist unfreiwillig hier und die Natur lehnt er schlichtweg ab, bei Tag und auch bei Nacht. Die Betreuer werden seine Freude an ihm haben.
Jörg hingegen scheint sich zu freuen, nicht zu 100 pro, aber immerhin ist er erstmal mit Enthusiasmus dabei. Es kommt allerdings, wie es kommen muss: Jörg wird auch hier zur Zielscheibe gemeiner Aktionen. Von den Betreuern ist nicht viel zu erwarten, einzig der Koch (mit den Maßen 3 m breit und 2 m hoch) und Kemir versuchen Schlimmeres zu verhindern.
Dass ich ehrlich froh bin, dass es Jörg gibt. Jemanden also, der den kompletten Stress und Hate abkriegt. Gäbe es Jörg nicht, wäre wahrscheinlich ich das Opfer.
Und was hat das mit dem Wolf zu tun?
Meine persönlichen Leseeindrücke zu „Wolf“
Kemir ist ein besonderes Kerlchen, intelligent, liebenswert und mit einer innigen Verbindung zu seiner Mutter. Zusammen erleben sie nicht gerade die beste Zeit, seine alleinerziehende Mutter hat ihn deshalb ohne Absprache für das Ferienlager angemeldet und er macht widerwillig mit, eine Woche Natur pur zu erleben. Mit von der Partie ist sein selbstvergessener Schulkamerad Jörg. Jörg ist auch ein besonderes Kerlchen, sensibel, vielseitig naturinteressiert, liebenswert und in der Opferrolle seinen Peinigern (fast) hilflos ausgesetzt. In der Schule passen die Erwachsenen auf, aber hier im Ferienlager, mit Betreuern, die auf dem psychologischen Pfad der Selbstfindung wandern, lauern unendlich viele Gefahren. Da muss nun Kemir auf Jörg aufpassen, ob er will oder nicht.
Beide Jungs, beide Außenseiter, ziehen in die schönste Holzhütte ein, jedenfalls ist sie das für Jörg. Schon in der ersten Nacht bekommen sie Besuch von einem Wolf – und obwohl beide nicht darüber reden, und beiden klar ist, dass da nicht wirklich ein Wolf herumstreunt, empfinden beide dasselbe. Was hat das zu bedeuten? Ein Alptraum bloß, den beide träumen? Oder steht er für eine Aufforderung, sich dem Alptraum der Wirklichkeit zu stellen und mutig zu sein: für sich und andere.
„Die Regeln bewusst zu brechen, gibt dem, der die Regeln bricht, das Gefühl von noch größerer Macht“, sagt der rätselhafte Koch.
„Wolf“ ist ein sehr gelungener Jugendroman über das Anderssein während der Schulzeit. Das ist zumindest meine Meinung als erwachsene Leserin. Der flippig freche Ton bringt Kemirs Stimmung ganz gut zum Ausdruck und Jörg, den ich allerdings nur von außen betrachten kann, ist als Außenseiterfigur die ideale Besetzung. Wobei auch Kemir sich als Außenseiter hervorragend eignen würde – seine „Null Bock“ Karte ist ja dauernd im Einsatz. Inwiefern sich Teenies mit der Geschichte identifizieren bzw. daraus lernen können, kann ich nicht beurteilen. Ich denke aber schon, dass Schulkinder ihre Erfahrungen miteinbringen können und vielleicht einen Denkanstoß für aktives Handeln herauslesen können.
Positiv sind mir die Illustrationen aufgefallen. Nicht zu kindlich, eher schlicht und modern, in gelber schwarzer Farbe gehalten und mit einem sympathischen Wolf, der die Jungs beschützt, finde ich sie passend zur Geschichte.
Fazit
„Wolf“ von Saša Stanišić erzählt von Kemir und Jörg, beide Außenseiter und dennoch etwas ganz besonderes, die in einer Woche Ferienlager heranwachsen und zueinander finden. Der Wolf verkörpert dabei die Kraft, mutig zu werden und sich der Wirklichkeit zu stellen.

„Die Natur ist so eine Arschgeige.“
Der Autor
Der deutschsprachige Schriftsteller Saša Stanišić wird 1978 in Višegrad, im östlichen Bosnien als Sohn einer Bosniakin und eines Serben geboren. Kurz nach der Besetzung Višegrads während des Bosnien-Kriegs 1992 flüchtete er mit seinen Eltern zu einem Onkel nach Süddeutschland.
Stanišić besucht in Heidelberg die Internationale Gesamtschule, wo sein schriftstellerisches Talent entdeckt und gefördert wird. Nach seinem Abitur im Jahr 1997 absolviert Stanišić an der Universität Heidelberg ein Studium in Deutsch als Fremdsprache und Slawistik und arbeitet als Teaching Assistant an der Bucknell University im US-amerikanischen Lewisburg (Pennsylvania). Bereits während seines Studiums beginnt er mit dem Verfassen deutschsprachiger poetischer Texte, Essays und Kurzgeschichten, die seit 2001 in mehreren Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlicht werden. Stanišić schreibt Prosa, Hörspiele, Satire und betreibt einen literarischen Blog.
Seine Werke wurden mehrfach ausgezeichnet. Für seinen Roman „Herkunft“ erhielt er 2019 den Deutschen Buchpreis.
Heute lebt er zusammen mit seiner Familie in Hamburg.
Quelle: LovelyBooks
© Katja Sämann
Bibliographische Daten (Stand Juni 2024 – Carlsen)
- TITEL: Wolf
- AUTOR: Saša Stanišić
- GENRE: Jugendoman
- ALTERSEMPFEHLUNG: ab 11 Jahre
- VERLAG: Carlsen
- UMFANG: 192 Seiten
- ERSCHEINUNGSDATUM: 26. April 2023
- ISBN-13: 978 3 5516 5204 1
Das Buch ist Preisträger des Deutschen Jugendliteraturpreises 2024 in der Kategorie Kinderbuch.
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Ein wunderbares Vorlesebuch – auch für meinen kognitiv eingeschränkten Sohn.