Autor: Georgi Demidow
Aus dem Russischen von Thomas Martin und Irina Rastorgueva
Buchbeschreibung kurz & knapp zusammengefasst
„Zwei Staatsanwälte ist eine Geschichte aus dem Großen Terror“. Die Erzählung spielt während der Stalinzeit des Jahre 1937, das als Höhepunkt und Synonym des Großen Terrors gilt. Es war bereits das 2. Jahr von Stalins drittem Fünfjahrplan, nach dem traditionellem Kalender.
Er schlug in paranoider Willkür von der obersten Funktionärskaste bis zu den Kindern durch jede Struktur der Gesellschaft, er zermalmte Millionen und hinterließ traumatisierte Völker, die durch die Kette der Revolutionen, durch den Weltkrieg, Bürgerkrieg, durch Hungersnöte gegangen waren, ideologischem Terror ausgesetzt waren, die vertrieben wurden, deren Familien zerrissen, Biographien vernichtet, die diffamiert und ausgelöscht wurden in einer Totalität, die noch die Spuren eliminieren.
Andrej Wyschinksi, seit 1935 sowjetischer Generalstaatsanwalt, empfängt den unangemeldeten jungen Staatsanwalt Kornew aus der Peripherie in einer dringenden Angelegenheit. In der Zelle eines Gefängnisses wir der Held des Bürgerkrieges Iwan Stepanowitsch Stepnjak unter Missachtung der Rechte, die ihm laut der neuen Stalin-Verfassung zustehen, misshandelt. Auf einem mit Blut geschriebenem Pappstück verfasste der politische Häftling eine Eingabe und Kornew, in seiner Funktion als Inspektor der Gefängnisse, möchte dieser hiermit nachkommen.
Kornew selbst erkannte, dass dieses Vorhaben nicht gefahrlos war.
Er weiß, dass er große Risiken eingeht, aber sein Gewissen lässt ihm keine andere Wahl. Recht ist Recht.
Während die Erzählung ihren Lauf nimmt, entblößt sich dem aufmerksamen Leser das Inferno des russischen Justizsystems, dessen zwei Vertreter ein gemeinsames und jeder ein ganz anderes System verkörpern. Denn Recht ist nicht Gerechtigkeit, auch wenn landläufig beiden Wörtern die gleiche Bedeutung zugeschrieben wird.
Meine persönlichen Leseeindrücke zu „Zwei Staatsanwälte“
„Wie schwer wiegt das Gewissen?“ ist eine zutiefst menschliche Frage, die im Buch „Zwei Staatsanwälte“ eine Interpretation und Antwort findet, im Kontext des Großen Terrors in Russland. Schwer nage ich an der Erzählung und hadere fast 90 Jahre später im freien Westen geboren und aufgewachsen mit dem Schicksal Millionen Menschen im fernen Russland, einem Land, dem ich abseits des Politikgeschehens wohlgesinnt bin.
Als drittes Buch der Drei Erzählungen aus dem Siebenunddreißigsten begleite ich den jungen Staatsanwalt auf seiner Reise durch die neue Stalin-Verfassung bis zu seinem bitteren Ende; und ja ich nenne hier das Ende der Erzählung bewusst, da der Schwerpunkt nicht auf einem tragischen Schicksal beruht, sondern es um die meisterhafte Erklärung eines Systems geht, das, wäre es nicht belegt, der Nachwelt verschlossen wäre.
Mischa Konrew ist ein unerschütterter junger Jurist, der ein Don Quichotte von Natur aus in seiner etwas infantilen Erscheinung lebt. Er ist ein sehr milder Mensch, auch wenn der ausgesucht Beruf verlangt, dass er im Interesse des revolutionären Kampfes handelt. Sein Schicksal wiegt daher umso schwerer. Ausgebildet nach den Idealen der neuen Justitia wird ihm ein eher unattraktiver Posten in der Peripherie angeboten. Es mangelt an allen Seiten und Enden an jungen Fachkräften, denn der Große Terror hinterlässt allzu große Lücken. So nimmt er etwas enttäuscht diese Stelle an und wird gleich mit einem großen Problem konfrontiert.
Die Erzählung „Zwei Staatsanwälte“ ist besonders. Einmal besticht Demidows Fähigkeit, den Szenen Authenizität und psychologisches Feingefühl einzuflößen. Als Leser fiebere ich natürlich mit Mischa Kornew mit, in seinem Versuch, das Leben des Häftlings zu retten. Und gleichzeitig spüre ich mehr als Mischa die Schleife des russischen Terrors um seinen Hals. Es dauert noch ein Weilchen, bis sich die Schleife endgültig zuzieht und der junge unerfahrene Jurist begreift, was geschieht. Es ist ein harter Schlag, ein Schock, der mich durchfährt, auch wenn ich so etwas schon befürchtet habe. Dennoch, hier steht es nun schwarz auf weiß, und tut unendlich weh.
Wenn man die Vita des Autors liest, ist es sehr erstaunlich, dass Demidows Erzählung frei von Bitterkeit, Racheschwüren, Hass oder Resignation sind. Sie sind geradezu menschlich, weil sie den Missbrauch der Menschen durch den Menschen sehen, in einer Klarheit, die bewundernswert ist.
Fazit
Wer über den Terror schreibt, der aus Russland kommt, hat beste Chancen, ihn unter Verlust des eigenen Lebens zu erfahren.
Die russische Seele ist ein weites Land und man kann sie nur in erkunden, wenn man sich den Erzählungen und Romanen der großen russischen Dichter und Schriftsteller widmet. Demidow gelingt hier eine meisterhafte Geschichte, die tief bewegt. Es ist unerträglich zu wissen, dass Putins Generalstaatsanwalt Igor Wiktorowitsch Krasnow nach dem Vorbild von Andrej Wyschinksi das Rechtssystem als reines Machtinstrument des Kremls missbraucht und Zustände, wie zu Stalins Zeiten, wiederaufleben lässt.

Gemessen an der Masse Leid, ist Kunst Geringes und übermächtig zugleich.
Der Autor
Georgi Demidow, 1908 geboren und in einem Gebiet der heutigen Ukraine aufgewachsen, wurde 1938 nach der Verhaftung ohne Grund und dem Urteil zu „fünf Jahren Straflager für konterrevolutionäre Propaganda“ verurteilt. Ihm blieb somit als Physiker, der er gerade erst geworden war, die Forschung verwehrt, und stattdessen wurde ihm die Knochenmühle der Strafarbeit aufgezwungen. Dies ist der Grund, warum er 1958 mit dem Schreiben begann. Vierzehn Jahre Gulag und sieben Jahre Verbannung, Verlust des Berufs und der Familie, der Freunde, Zwangsarbeit, Folter, Hunger ,Kälte und der Tod der anderen ließen nichts anderes zu.
Dass wir haben, was er schrieb, verdanken wir Demidows Tochter, die auf dem Marsch durch die erodierenden Institutionen der UdSSR Alexander Jakowlew traf, der die inhaftierten Texte freigab.
Ab 1980 wurde Demidow allerdings jegliche Möglichkeit des Schaffens genommen. Mit den im Lager erfrorenen Fingern konnte er kaum einen Stift halten und die Konfiszierung seiner Schreibmaschine war mehr als ein Willkürakt, sie war ein Akt der Demütigung. Demidow sah sich seines Lebenswerkes beraubt.
Georgi Demidow starb im Februar 1987 in Kaluga, 200 km südwestlich von Moskau.
Lesen Sie dazu auch einen Artikel aus DIE ZEIT vom 8. April 2015.
Wer über den Terror schreibt, der aus Russland kommt, sollte das besser außer Landes tun oder schon tot sein wie Georgi Demidow, der im Februar 1987 im Glauben, alle Texte wären vom KGB vernichtet worden, starb.
© Walentina Demidowa and Julia Sinjakowa
Aufgrund der Komplexität der Erzählung und der historischen Hintergründe habe ich meine Rezension stark an die im Buch enthaltenen Aussagen und Informationen angelehnt.
Die Übersetzer
Thomas Martin, geboren 1963 in Ost-Berlin, ist Dramatiker, Lyriker und Essayist. Er war Hausautor und Künstlerischer Produktionsleiter der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und dort Herausgeber der Netzkolumne Denkzeichen und u.a. Leiter der Internationalen Brecht-Tage Berlin.
Irina Rastorgueva, 1983 in Juschno-Sachalinsk geboren, studierte Philologie an der Staatlichen Universität Sachalin und arbeitete als Kulturjournalistin für mehrere russische Zeitschriften und Radiosender. 2006 bis 2015 war sie Dozentin für Journalistik an der Staatlichen Universität Sachalin. Sie ist Autorin zahlreicher wissenschaftlicher Artikel über die Theorie und Geschichte der Literatur und des Journalismus des 20. Jahrhunderts. Seit 2017 arbeitet sie als Autorin und Grafikerin in Berlin. Sie schreibt u. a. für die FAZ, die NZZ und das Magazin Osteuropa. Gemeinsam mit Thomas Martin übersetzt sie und gibt die Werke von Georgi Demidow im Verlag Galiani heraus.
Bibliographische Daten (Stand August 2026 – Galiani Verlag Berlin)
- TITEL: Zwei Staatsanwälte
- AUTOR: Georgi Demidow
- ÜBERSETZUNG: Thomas Martin & Irina Rastorgueva
- GENRE: Erzählung / Novelle
- VERLAG: Galiani Berlin
- UMFANG: 240 Seiten
- ERSCHEINUNGSDATUM: 13. März 2025
- ISBN-13: 978 3 8697 1306 9
Ein weiteres großartiges Buch, dass sich mit der Gewissensfrage beschäftigt, ist Himmelskörper am Rande der Welt des isländischen Autors Jón Kalman Stefánsson.



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