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Zwischen den Palästen

11 Oktober 2023

Autor: Nagib Machfus

Aus dem Arabischen von Doris Kilias

Der Nobelpreis 1988 für Nagib Machfus galt vor allem seiner Kairoer Trilogie, dessen ersten Band „Zwischen den Palästen“ ich hier vorstelle. Die Trilogie ist das Hauptwerk des Autors und ein Meilenstein der modernen arabischen Literatur. Sie entstand in den Jahren 1946–1952, erschien aber erst 1956–1957. Machfus behandelt darin das Leben einer Kairoer Familie über mehrere Generationen (1917–1944).

Buchbeschreibung kurz & knapp zusammengefasst

Abd al-Gawwad, der übermächtige Herrscher der Familie, ist gefürchtet und geliebt zugleich. Strotzend vor Vitalität und Lebenslust ist er ein liebenswürdiger Freund und geistreicher Unterhalter, ein Kenner von Kunst und Gesang, und nicht zuletzt ein feinfühliger Liebhaber schöner Frauen. Doch wenn er die Treppe zu seinem Palast hochsteigt, verwandelt er sich zum gnadenlosen Patriarchen, der Ehefrau, Töchter und Söhne an seinen Fäden führt.

In der Tat, außerhalb der Familie flößte Herr Abd al-Gawwad niemanden Angst und Schrecken ein, denn im Umgang mit allen anderen Menschen – Freunden, Bekannten, Kunden – war er offensichtlich ein völlig anderer Mann.

Als die Wünsche und Hoffnungen jedes einzelnen an die Oberfläche kommen, verstricken sich die Familienmitglieder immer tiefer im Geflecht ihrer verunsicherten Beziehungen. Seine Ehefrau Amina ist eine Gestalt von mystischer Tiefe, in der Welt der Geister heimischer als in der Welt der Menschen, deren Leben sich ganz auf die Bedürfnisse ihres Mannes konzentrieren.

„Ich höre und gehorche, stehe zu Diensten.“

Während das Familienleben in den Palastmauern seinen gewohnten Gang geht, beginnt draußen auf der Straße der blutige Kampf um nationale Unabhängigkeit. Abd al-Gawwad’s Familie bleibt von der Tragik der Ereignisse nicht verschont.

Meine persönlichen Leseeindrücke

„Zwischen den Palästen“ – was für ein Roman! Grandios, außergewöhnlich, brillant, herausragend, ich könnte hier mit Superlativen nur so um mich werfen. Meine Reise in die Welt der Nobelpreisträger führt mich in ungeahnte literarische Höhen, so unterschiedlich und gleichzeitig so einzigartig und exzellent die einzelnen Meister sind. Sie bringen Erzählungen und Geschichten von hoher Qualität zu Papier, die ich in meiner kleinen Bibliothek der Weltklassiker sammle.

Der 1. Band der Kairoer Trilogie „Zwischen den Palästen“ bietet einen Blick durchs Schlüsselloch in das Leben einer wohlsituierten, geachteten Kairoer Kaufmannsfamilie während des 1. Weltkrieges. An ihr stilisiert Machfus die ägyptische Gesellschaft der religiös geprägten Lebensvorgaben und -zwängen und dem verborgenen liederlichen Leben, dessen sich die Herren außerhalb der gesellschaftlichen Familienpflichten mit Freude und ohne Scham oder Gottesfurcht widmen.

Abd al-Gawaad ist ein Mann mit zwei Gesichtern. Im eignen Haus ist er seiner Familie gegenüber ein Tyrann, der Religion aber ein ergebener Gläubiger. Respektlos und harsch gebietet er sich gegen seine Frau, die ihm zu Diensten stehen muss und zu seinen Kindern, von denen er bedingungslosen Gehorsam verlangt.

Das einzige, was du zu tun hast, ist zu gehorchen. Also hüte dich davor, mich so weit zu bringen, dich erziehen zu müssen.

Diese offen dargebotene Misogynie in dem Roman „Zwischen den Palästen“ ist durch und durch abstoßend und eine offene Kritik an Lebensumständen, die von der religiös fundamentalistischen Herrschaft durchaus geduldet schienen. Doch nicht nur seine Ehefrau lebt in Angst vor ihm. Auch seine 5 Kinder fürchten den Tyrannen.

Jedes Kind hatte Vorzüge, doch sobald sie vor dem Vater standen, waren diese im Handumdrehen verschwunden.

Jedes Mitglied durchleidet unendliche psychische Pein in seinem Beisein. Abd al-Gawwad regiert mit eiserner Hand und lässt alle Menschen in den häuslichen Mauern zu kläglichen Marionetten verkommen. Für die Familie gilt, sich nicht seiner Zucht und seinem Gehorsam zu entziehen. Erstaunlich nur, dass außerhalb der Palastmauern der Patriarch mit einem gänzlich anderen Erscheinen auftritt. Jovial, charmant, mit perfekten Manieren tritt er Kunden und Freunden entgegen. Er ist geschätzt und wird umworben, denn seine Anwesenheit ist stets Garantie für fröhliche Stunden. Auch dem weiblichen Geschlecht begegnet er mit Wohlwollen und beim Werben um die weiblichen Gunst zieht er alle Register.

….noch nie, und das war wahrscheinlich das unglaublichste, hatte er dieses lachende, strahlende Gesicht gesehen, trunken von Zuneigung und Heiterkeit.

Wenngleich das Hauptaugenmerk des Romans „Zwischen den Palästen“ auf Abd al-Gawwad liegt, beschränkt sich der Roman bei weitem nicht nur auf ihn. Auf fast 700 Seiten finden alle Familienmitglieder Platz und Machfus widmet sich ihnen mit großer Empathie und Zuneigung. Für jede einzelne Romanfigur nimmt er sich Zeit und flechtet geschickt die einzelnen Schicksale in die große Familiengeschichte ein. Dies tut er mit filigraner Präzision und hoher schriftstellerischen Geschicklichkeit, die ich nicht so oft gesehen habe. Sein enormer Wortschatz, verbunden mit esinem Feingefühl für die richtige Wortwahl, lässt mich teilhaben an den einzelnen Szenen. Ich beschränke mich nicht nur auf die rein äußerliche Betrachtung, sondern tauche ein in das innere Gemütsleben jedes einzelnen.

Umrandet von den politischen Veränderungen und den äußeren Einflüssen, die hinter die Palastmauern drängen, eröffnet mir der Roman „Zwischen den Palästen“ einen einzigartigen Einblick in die fremde Kultur des einstigen Weltreiches der Pharaonen.

Fazit

„Zwischen den Palästen“ von Nagib Machfus ist ein Meisterstück an Erzählkunst der modernen arabischen Literatur.

Machfus‘ große Kunst liegt für mich in seiner Fähigkeit, gesellschaftliche Prozesse scharfsinnig zu beobachten und sie hervorragend, spannend und farbig zu erzählen. Seine genaue Beobachtung, seine scheinbar grenzenlose Fantasie und sein Mut, die Wahrheit zu schreiben, ermöglichte mir einen tiefen Einblick in das Leben in Ägypten vor 100 Jahren. Es mag aber auch ganz einfach sein, dass ich von Anfang an dem schönen Klang der Erzählstimme verfallen war!

Zwischen den Palästen

Wie sollte es auch anders sein, in einem Haus, in dem die Demut gegenüber den Männern zur Religion gehörte und als Dogma betrachtet wurde?

Der Autor

Als siebtes und jüngstes Kind wurde Nagib Machfus am 11. Dezember 1911 in Kairo geboren. Es war kein Widerspruch, dass der junge Machfus streng religiös erzogen wurde, seine Mutter ihn jedoch täglich in öffentliche Bibliotheken schickte, wo er sich von Schriftstellern wie Proust, Kafka und Joyce beeindrucken ließ. Nach dem Philosophiestudium entschied er sich dazu, Schriftsteller zu werden.

Wegen seiner Unterstützung des Friedensprozesses mit Israel wurde Machfus zum Ziel scharfer Kritik aus fundamentalistischen und arabisch-nationalistischen Kreisen. Obwohl unter Polizeischutz wurde er 1994 von zwei islamistischen Attentätern unweit seines Hauses in Kairo angegriffen und überlebte schwerverletzt. Doch auch diese Tat konnte ihn nicht hindern nach wie vor gegen die Ideen eines fundamentalistischen Islam sowie für eine Trennung von Staat und Religion und für eine säkulare, demokratische Gesellschaftsordnung einzutreten.

Machfus gehört zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart und gilt als der eigentliche »Vater des ägyptischen Romans«. Sein Lebenswerk umfasst mehr als vierzig Romane, Kurzgeschichten und Novellen. 1988 erhielt er als bisher einziger arabischer Autor den Nobelpreis für Literatur. Er starb 2006 im Alter von 94 Jahren in Kairo.

Zwischen den Palästen Nagib Machfus

Die Übersetzerin

Doris Kilias, geboren 1942 inmitten der Masurischen Seenplatte, also im heutigen Polen, kam als Flüchtlingskind nach Deutschland. Nach dem Abitur studierte sie Arabistik und Romanistik an der Humboldt-Universität in Berlin und arbeitete sanschließend als Redakteurin beim arabischen Programm des Rundfunks Berlin (DDR). Nach einem Aufenthalt in Kairo folgten 1974 die Promotion über ägyptische Kurzprosa und 1984 die Habilitation über algerische arabofone Literatur. Doris Kilias war danach als freie Übersetzerin in Berlin tätig. 1999 wurde sie mit dem Jane-Scatcherd-Preis der Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Stiftung ausgezeichnet.

Sie starb 2008 in Berlin.

Die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck erinnert sich an ihre verstorbene Mutter mit einem liebevollen Nachwort, das Sie hier nachlesen können.

Bibliographische Daten (Stand Oktober 2023 – Unionsverlag)
  • TITEL: Zwischen den Palästen
  • AUTOR: Nagib Machfus (andere Schreibweisen Naguib Mahfouz, Naguib Mahfous, Nadjib Mahfus, Nagib Mahfuz)
  • ÜBERSETZERIN: Doris Kilias
  • GENRE: Roman
  • VERLAG: Unionsverlag Zürich
  • UMFANG: 688 Seiten
  • ERSCHEINUNGSDATUM der Taschenbuchausgabe: 21. Februar 1996
  • ISBN-13: 978 3 2932 0065 4

Meine Buchbesprechung zum 2. Band Palast der Sehnsucht.

Weitere Werke von Nobelpreisträgern in meinem Blog finden Sie hier.

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Astrid

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